Vom Beobachten und Beurteilen

„Es gibt Denker, die sagen, das einzige Übel auf der Welt ist die Einteilung in gut und böse (bzw. richtig und falsch)“. Das sagte eine der großartigsten Kommunikationstrainerinnen, Vera F. Birkenbihl.
Es ist manches Mal gar nicht so einfach, zu erkennen, wann man beurteilt und dass es einen großen Unterschied zwischen Beobachten und Beurteilen gibt. Es gehört zum Bestandteil jeder Kultur, dass man etwas als „richtig“ oder „falsch“ betrachtet. Dies kann sich in einer anderen Kultur aber genau anders herum darstellen. Als Beispiel: In Deutschland gehen wir davon aus, dass Regeln und Gesetze für Alle gelten. Selbst wenn es meine Schwester ist, die einen Unfall verursacht, bin ich der Meinung, dass sie dafür geradestehen muss. Diese Art des Denkens nennt man in der Interkulturellen Kommunikation „Universalismus“. Demgegenüber würde jemand in Russland davon ausgehen, dass die Schwester unter allen Umständen vor einer Strafe, evtl. sogar Haft, geschützt werden muss. Notfalls auch durch eine Lüge. Das nennt man „Partikularismus“. Uns Deutschen sträuben sich dabei die Nackenhaare und wir denken: „Das ist doch nicht richtig, dann müsste man ja lügen, wem kann man dann denn noch trauen???“. Unser russisches Pendant denkt sich hingegen: „Was ist denn das für ein Mensch, wenn sie nicht einmal ihre Schwester schützt, die ihr am allernächsten sein sollte. Wie kann man denn so einer Person trauen???“.
Ein anderes Beispiel: Eine Person arabischer Herkunft findet es unmöglich, wenn sich in Deutschland ein Pärchen in der Öffentlichkeit küsst. Wir hingegen sind irritiert, wenn zwei Männer in den Vereinigten Arabischen Emiraten händchenhaltend auf der Straße entlangspazieren. Ohne weiteres Wissen könnten wir zu einer falschen Beurteilung kommen: Denn diese beiden sind sicherlich nicht homosexuell!
Und noch ein Beispiel: Wir Deutschen haben einen direkten Kommunikationsstil: Wir dürfen sagen, was wir denken, wir versachlichen, Kritik ist erlaubt. Menschen aus Nationen mit indirekter Kommunikation kommunizieren anders, der Stil ist beziehungsorientiert, Kritik ist verpönt und laut-werden kommt einem Gesichtsverlust gleich. Es trifft auf unser Unverständnis, wenn z.B. in Spanien „Ja“ gesagt wird, wo eigentlich „Nein“ gemeint ist. Dann haben wir aber womöglich unser Gegenüber zu einer klaren Aussage genötigt, weil wir das versteckte Nein nicht hörten.
Wie schön wäre es, wenn uns allen bewusst wäre, dass wir von Werten und Traditionen unser eigenen Kultur geleitet sind – eine Person aus einer anderen Kultur jedoch ebenso. Ein gutes Bild dafür ist das des Eisbergs: Wir sehen von einer anderen Person nur etwa 20% und leiten daraus unsere Urteile ab. Der Großteil aber, nämlich die Werte, Glaubenssätze und Traditionen, liegen unter der Oberfläche verborgen.

Zurück zu Vera F. Birkenbiel: Sie empfiehlt, das Bekannte zu bezweifeln. Sich also zu fragen, ob das, was wir denken, zwingend wahr sein muss. Und in dem Buch „30 Minuten Interkulturelle Kompetenz“ wird empfohlen, sich vorzustellen, dass man eine (unsichtbare) „kulturelle Brille“ auf der Nase hat, durch die man sein Umfeld wahrnimmt. Mit höherer Dioptrienstärke wird der Blick zunehmend unschärfer. Ich denke, der amerikanische Präsident muss nahezu blind sein und Kontaktlinsen tragen.

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