Interkulturelle Wunder

Mittlerweile hat der erste „Curso de Milagros“ in Palma stattgefunden. Wir waren acht Teilnehmerinnen und es war sehr lustig und schön. Auf dieser Website geht es ja allerdings nicht um „Wunder“ und andere Inhalte zu „Selbstentfaltung“ (wie in dem Kurs angeboten), sondern um „Interkulturelle Kommunikation“. Daher möchte ich heute darüber berichten, was der Kurs damit zu tun hatte.

Die spanische Kultur ist „Beziehungs-orientiert“. Die deutsche hingegen „Aufgaben/Themen-orientiert“. Als Beispiel: Kommt man in Deutschland in ein neues Team, muss man erst einmal gut zusammenarbeiten, dadurch wird Vertrauen geschaffen, anschliessend kann man dann eine Beziehung aufbauen und nach einer gewissen Zeit (in der Regel Monate!) gemeinsam nach Feierabend ein Bier trinken gehen. In der spanischen Kultur ist es andersherum: Die neuen Kollegen wollen Dich erst einmal kennenlernen, wollen mit Dir ein Bier trinken gehen und wenn sie Dich etwas kennengelernt und Vertrauen aufgebaut haben, dann kann man auch gut zusammenarbeiten…. Das Gleiche passiert mit neuen Nachbarn, angeheirateten / liierten Partnern, mit neuen Mitgliedern im Verein oder bei einer neuen Gruppe.

Daher hatte ich vor dem eigentlichen Start des Kurses ein bisschen mehr Zeit eingeplant für das Kennenlernen. Ich selber kannte fast alle Teilnehmerinnen, diese sich untereinander aber nicht. Es gab ein Büfett, für das Jede etwas mitgebracht hatte. Es ging (erwartungsgemäß) nicht pünktlich los und die Teilnehmerinnen trudelten sehr zeitversetzt ein. So blieb am Anfang genug Zeit für private Gespräche und Beschnuppern.

Anschließend hatte ich eine Werte-Tafel ausgehändigt. Dafür hatte ich im Internet eine Liste gefunden mit 127 Werten (darunter z.B. Aufgeschlossenheit, Abenteuer, Empathie, Frieden, Integration, Reichtum, Respekt, etc) und diese übersetzt. Für manche der deutschen Begriffe gibt es keine spanische Entsprechung, wie z.B. für “Achtsamkeit“. Deepl schlug „Mindfulness“ vor. Wir diskutierten in unserem Kurs einige Zeit darüber, ob es einen passenden spanischen Begriff gäbe, aber es einigten sich alle darauf, dass der englische Begriff der beste sei und auch allgemein bekannt ist. Für manche Begriffe gibt es im Spanischen zwei oder mehr Begriffe wie für „Ansehen“: man kann dabei unterscheiden, ob dies eher darauf ist darauf, ob jemand bewundert wird, auch wenn er seinen Status auf unrechte Weise erreicht hat („la apariencia“) oder ob man einer Person einen gewissen Respekt zollt („la valía“) oder ob man jemanden wirklich (ver)ehrt („la honra“). Das Phänomen, dass es in einer Sprache mehrere Bedeutungen gibt, wo eine andere mit einem Wort auskommt, gibt es auch andersherum. So kann „confianza“ sowohl Vertrauen als auch Zuversicht bedeuten.

Bei der Vorbereitung des Kurses hatte ich mich daran erinnert, gelesen zu haben, dass Kulturen eine sehr unterschiedliche Quantität von Worten aufweisen: Das „Oxford English Dictionary“ weist derzeit etwa 620.000 englische Stichwörter auf. Die französische Sprache bringt es hingegen nur auf ca. 200.000 Wörter, was daran liegt, dass im Französischen viele Worte mehrere Bedeutungen haben. „Die Welt“ schreibt in Bezug auf Deutschland: 200 Jahre lang hatten Gelehrte und Laien gerätselt, wie viele deutsche Wörter es wohl gebe. Goethe benutzte 100.000 Wörter. Das Grimm’sche Wörterbuch hat 450.000 gesammelt.“ In bekannten Wörterbüchern wie dem Duden werden für die deutsche Sprache heutzutage rund 200.000 Wörter gezählt. Das Goethe Institut hingegen zitiert: „.5.300.000 Wörter hat der deutsche Wortschatz: acht Mal so viel wie das Englische. Das haben Wissenschaftler für einen „Ersten Bericht zur Lage der deutschen Sprache“ 2014 nachgezählt. Wer anders rechnet, kann allerdings auf andere Zahlen kommen.“ So wie Radio SRF: „ Keine Sprache … hat so viele Wörter wie die Englische. Englisch lehnt traditionellerweise Bezeichnungen aus anderen Sprachen aus und hat daher viele Ausdrücke für ein und dasselbe Ding“. So haben zahlreiche Worte aus der deutschen Sprache Eingang in die englische gefunden, wie: Rucksack, Sauerkraut, Wanderlust, Muesli, Lederhosen, Wunderkind oder (German) Angst. Zudem gibt es viele ursprünglich deutsche Wörter, die angepasst wurden, wie noodle, pretzel oder kindergarden. Andersherum werden auch viele englische Wörter im Deutschen verwendet (Anglizismen), z.B. chillen, shoppen, managen, scrollen, relaxen, scannen, surfen, der Job, der Blog, der Flirt,… Auf dieser Website kann man nachlesen, welche Wörter mit Migrationshintergrund es noch in die deutsche Sprache geschafft haben: https://kulturshaker.de/woerter-mit-migrationshintergrund/

Laut den Berechnungen wuchs der deutsche Wortbestand in den letzten 100 Jahren um ein Drittel an. Es gibt allerdings auch Wörter, die es nicht in die elektronische Datenbank für den o.a. Bericht schaffen. „Die Welt“ berichtet: „In den Neunzigerjahren sprach man von „gaucken“, wenn anhand der Aktenlage in der Stasi-Unterlagenbehörde überprüft wurde, ob eine Person für das Staatssicherheitsministerium der DDR tätig war. Das Wort wurde von jedem verstanden, solange der spätere Bundespräsident die Behörde leitete“.

Man kann sich also lebhaft die Tücken und Hürden vorstellen, denen Menschen ausgesetzt sind, die die deutsche Sprache lernen wollen. Eine bulgarische Freundin erzählte neulich eine lustige Geschichte: In diesem Fall geht es um ein deutsches Wort, welches zwei grundverschiedene Bedeutungen hat und wo es um die Betonung geht, mit der man es ausspricht: umfahren. Sie fuhr im Auto mit ihrem Mann und fragte ihn: „Soll ich den Plastikpömpel, der da auf der Strasse steht, umfahren?“. Er: „Nein, umfahre ihn lieber“.

Einige weitere spannende Infos zum Thema: Die Inuit haben 21 Begriffe für „Schnee“. In den USA ist es nötig ein „close“ (friend) hinzuzufügen, wenn man die Bedeutung von dem deutschen Wort „Freund“ richtig wiedergeben will. Es gibt zahlreiche „false friends“ bei Übersetzungen: z.B. ist ein „Handy“ im Englischen ein „mobile (phone)“ oder ein „Beamer“ ein „projector“. Fürs Spanische: ein „gimnasio“ ist die „Turnhalle/Fitness-Studio“, die „carta“ ein „Brief“ (und nicht die Karte), „labor“ die „Arbeit“ (und nicht das Labor) und „mantel“ eine „Tischdecke“.

Übrigens zählt bisher noch die englische Sprache als Nummer eins der meistgesprochenen Sprachen weltweit (1,132 Mio.). Zählt man allerdings nur die Muttersprachler, führen die Mandarin-sprechenden Chinesen mit 918 Mio. (gefolgt von den spanisch-sprechenden 477 Mio., englisch-sprechenden 379 Mio. und Hindi-sprechenden Menschen 341 Mio.). Englisch wird dennoch bislang als meistgesprochene Sprache weltweit angesehen, da es sehr viele Menschen mit Englisch als Zweitsprache gibt, d.h. Menschen, die dies neben ihrer Muttersprache im Alltag sprechen. Hierzu zählen jedoch nicht die Menschen, die eine Sprache als Fremdsprache beherrschen, welche im Alltag von ihnen nicht gesprochen wird. Ein schönes Beispiel dafür: https://www.youtube.com/watch?v=0MUsVcYhERY

Auf eine weitere Besonderheit in Bezug auf Sprache werde ich das nächste Mal eingehen: auf den Unterschied zwischen „Low-context-cultures“ (wie der deutschen) und „High-context-cultures“ (wie der spanischen). In letzteren geht es häufig um den „sobreentendido“, also den Subtext in einer Aussage, der implizit (und nicht direkt) gesagt wird…. Uns Deutschen fällt es oft schwer, herauszufinden, was uns jemand „wirklich“ sagen will und wir drängen darauf, „auf den Punkt zu kommen“.

Für heute: Der nächste „Curso de milagros“ wird am 2. Juli um 19.30 Uhr bei mir in Palma stattfinden. Wenn Du eine Frau bist, Spanisch sprichst und Lust auf nette, lustige Frauen hast, bist Du herzlich eingeladen. Für alle anderen überlege ich mir etwas bis zum nächsten Mal…


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