Weniger Ich – Mehr Wir

Die Überschrift für diesen Beitrag habe ich bei einer meiner Lieblingssängerinnen geklaut: Sarah Lesch. Eines ihrer Alben heisst so. Das Beitrags-Bild samt Spruch von Butler Shaffer stammt aus dem unten beschriebenen Video. Ich hatte an anderer Stelle bereits über die Dimension „Individualismus – Kollektivismus“ geschrieben. Heute möchte ich noch mehr in die Tiefe gehen.

Zum Hintergrund: Menschen aus individualistischen Kulturen haben vor allem sich selbst im Fokus – und eventuell noch ihre Kernfamilie, die in diesen Gesellschaften aus dem Beziehungspartner, Kindern und eventuell noch den eigenen Eltern und Geschwistern besteht (also ca. 2-10 Personen). Worte wie „Selbst-Verantwortung“, „Selbst-Verwirklichung“, „Eigen-Bedarf“, „Privatsphäre“, etc. sind wichtige Indikatoren für eine individualistische Gesellschaft. Diese Kulturen werden als „Ich“-Kulturen bezeichnet und zeichnen sich durch eher losere, unverbindlichere soziale Bindungen aus. Bereits Kinder werden dazu erzogen, ihre persönlichen Vorlieben zu entwickeln, was in Abgrenzung zu Anderen passiert. Als Erwachsene betonen wir dann weiter unser Eigeninteresse und unsere Einzigartigkeit (z.B. durch Herausbilden unserer Stärken). Frank Sinatras Song „I did it my way“ ist ein Ausdruck dessen. Die individualistischste Gesellschaft der Welt ist die US-amerikanische. Die gesamte sogenannte „Westliche Welt“ ist ebenfalls individualistisch – damit auch die deutsche.

Kollektivistische Kulturen hingegen sind „Wir“-Kulturen. Hier ist die Gemeinschaft wichtig (die Familie, der Klan, das Dorf, etc.) – nicht der Einzelne. Man gibt der Gemeinschaft seine Kraft, Energie und Liebe und erhält dafür Solidarität und Loyalität. In diesen Kulturen geht es um die Gruppe und darum, Gemeinsamkeiten zu betonen. Der Einzelne ordnet sich der Gruppe unter. (Fast) alle Länder Asiens, Afrikas, Lateinamerikas und Südeuropas sind kollektivistisch (bis auf z.B. Taiwan, (der Teil der „weissen“ Bevölkerung) Südafrikas und Argentinien. Bislang leben etwa 70% der Menschheit (noch) in kollektivistischen Gesellschaften – der Trend geht allerdings zum Individualismus.

Die Idee von Dimensionen, die Kulturen „vergleichbar“ machen, stammt von dem niederländischen Anthropologen Geert Hofstede. Er hat sechs Dimensionen entwickelt, von denen einige bereits hier in dem Blog zur Sprache kamen. Im Anschluss an Geert Hofstede haben weitere Anthropologen, Soziologen, Sozialpsychologen, usw. weitergearbeitet und weitere Dimensionen entwickelt.

Es gibt natürlich auch innerhalb von Kulturen Unterschiede, so haben Menschen aus individualistischen Gesellschaften, die in Pflegeberufen arbeiten, viele kollektivistische Anteile. Innerhalb der Geschlechter kann man konstatieren, dass mehr Frauen kollektivistisch unterwegs sind als Männer. Vor ca. 150 Jahren war Deutschland ebenfalls noch eine kollektivistische Gesellschaft: Familien lebten in Großverbänden, das Einkommen wurde geteilt, die Alten kümmerten sich um die kleinen Kinder und wurden dafür später gepflegt.

Ebenfalls spannend ist der Vergleich: Vergleicht man Spanien mit Deutschland ist es sehr kollektivistisch. Ein Inder wird es jedoch als individualistisch ansehen.

Gunnar Kaiser fragt in seinem Video (https://www.youtube.com/watch?v=w2etdR9IVU8): „Ist der Kollektivismus die Standardeinstellung des Menschen? Ist der Individualismus als philosophische Grundeinstellung dem Kollektivismus per se überlegen?“. Menschen aus individualistischen Kulturen fühlen sich häufig überlegen. Dies reflektiert z.B. ein Kommentar unter dem genannten Video: „Der Herdenmensch konsumiert Anerkennung durch Anpassung. Angst und Unfreiheit sind seine Grundstimmung. Der Individualist ist tendenziell selbstgenügsam und selbstliebend.Von hier aus kann er sich gebend und bereichernd in eine Gemeinschaft einbringen. Der Herdenmensch ist eine Gefahr für sich selbst und für die Allgemeinheit,der Individualist ein Geschenk für sich selbst und für die Allgemeinheit.“ Wenn jemand seine eigene Kultur über die anderer stellt und als überlegen ansieht, spricht man von Ethnozentrismus.

Gunnar Kaiser stellt sich die Schaffung einer „freien Welt“ vor, für die ein bedeutsamer gesellschaftlicher Wandel nötig ist: Zum Wohle der gesamten Weltgemeinschaft. Dafür sei seiner Meinung nötig, dass wir uns zu starken Individuen entwickeln, die sich innerlich selbst heilen und „in Ordnung gebracht haben“. Und die frei sind und mutig ihre Meinung sagen. Und dann dem Kollektiv dienen können und wollen.

Meine persönliche Vision geht in eine ähnliche Richtung. Ich wünschte mir, dass wir in den individualistischen Ländern uns mehr auf das „Wir“ fokussieren und uns als Weltgemeinschaft / als Kollektiv verstehen. Denn wenn alle 7,5 Milliarden Menschen auf dieser Welt so leben wollten wir wir in der „Westlichen Welt“ wird das allein aus Ressourcengründen nicht möglich sein. Kritiker werden einwenden, dass „die Technik“ uns demnächst Möglichkeiten weisen wird: für eine Lebensmittelproduktion für Alle, für die Erschliessung und Nutzung von bislang unbewohnten Gegenden der Welt wie Wüsten, durch erneuerbare Energien, die Versorgung für alle schafft.

Meiner Meinung nach sollten wir uns nicht auf die Technik verlassen, sondern uns lieber (rück-)besinnen auf weniger Individualismus, mehr Kollektivismus, auf Solidarität und Loyalität mit „Schwächeren“.

In diesem Sinne also auf ein: „Weniger Ich – Mehr Wir!“


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