Multikulti oder interkulturell?

Die Begriffe Multikulti und interkulturell hat jeder schon einmal gehört. Die Wenigsten können sich aber etwas wirklich Konkretes darunter vorstellen. Zudem gibt es noch einige weitere Termini. Alle diese Worte beschreiben Zustände, wenn Menschen aus verschiedenen Kulturen für längere Zeit aufeinander treffen. Aber fangen wir mit diesen beiden an: Multikulti (oder Multikulturalität) ist das Nebeneinander verschiedener Kulturen in einem Land (oder auch einer Organisation, Region, etc.). Bei interkulturellen Begegnungen (oder Interkulturalität) kommt es bei dem Aufeinandertreffen von zwei oder mehr Kulturen trotz kultureller Unterschiede zur gegenseitigen Beeinflussung.

Hier auf Mallorca haben wir beides. Mein deutscher Nachbar beispielsweise lebt seit über 10 Jahren multikulti hier. Er spricht (fast) kein Wort Spanisch, geschweige denn die Regionalsprache Mallorquín, hat einen rein deutschen Freundeskreis, arbeitet für deutsche Arbeitgeber (als Skipper, Ferienhausbetreuer oder Renovierer), geht zu deutschen Ärzten, liest die beiden hiesigen deutschsprachigen Wochenzeitungen, hört das Inselradio und schimpft regelmäßig über die mallorquinische Kultur. Wenn er allerdings Ärger mit seinem mallorquinischen Vermieter hat, müssen die Freunde als Übersetzer einspringen.

Meine dänische Freundin Hanna, die seit über 20 Jahren hier lebt, hingegen ist interkulturell unterwegs und ist mit Dänen, Deutschen, Engländern, Holländern und Mallorquinern befreundet, spricht 7 Sprachen und passt sich jeweils ihrem Gegenüber mit der Sprache an (bis zu der lustigen Situation auf meiner letzten Geburtstagsparty, wo sie mit einem deutschen Freund, den sie nicht kannte, den ganzen Abend Englisch sprach, weil sie vorher gehört hatte, dass er für ein amerikanisches Unternehmen arbeitet). Sie arbeitet im Bereich Kommunikation und ist im lokalen TV-Sender IB3 als „Quotenausländerin“ festes Mitglied einer wöchentlichen Talksendung, die auf spanisch-mallorquinisch stattfindet: https://www.youtube.com/watch?v=FhXDXPRRa1Q .

Das sind sicherlich zwei Extreme und es gibt viele Menschen, die sich dazwischen bewegen. Nun zu einigen weiteren Begriffen: Wenn in einer Gesellschaft gar nicht thematisiert wird, dass es Interaktionen oder sogar eine Vermischung der Kulturen gibt, spricht man von Plurikulturalität. Dann werden auch keine Fragen nach Integration oder Assimiliation geschweige denn nach Akkulturation oder Akkomodation gestellt (dazu mehr in einem der nächsten Blogs).

Der Focus titelte im letzten Oktober: „Weniger Ballermann, mehr Multikulti auf Top-Niveau: So will Mallorca erwachsen werden“. Gemeint ist damit die (relativ) neue Strategie der Inselregierung den Massentourismus einzudämmen und stattdessen auf Qualitätstourismus zu setzen (vor allem Golf-, Nautik-, Wander-, Rad- und Residenzial-Tourismus). Zudem die (weitgehend ungeplante) Entwicklung, Mallorca zu einem Einwanderungsziel für reiche Ausländer. In dieser kurzen Überschrift stecken viele Aspekte, die es in sich haben.

Zum ersten Teil, dem Thema Tourismus auf Mallorca: Nicht nur meiner Meinung nach ist Mallorca an einer Obergrenze in Bezug auf die Touristenzahlen angekommen. Dazu habe ich Ende Januar das Bildungsurlaubs-Seminar „ „Stadteinblicke Palma de Mallorca: Im Spannungsfeld zwischen Overtourism und zukunftsfähiger Stadtentwicklung“ geleitet. Wir haben verschiedene Experten besucht: die Umweltschutzorganisation „GOB“, die Anwohnervereinigung „Vecinos de El Terreno“, die tourismuskritischen Organisation „Palma XX!“, aber auch den Leiter der Tourismusförderung „Fomento de Mallorca“, den Dekan des Tourismusinstitutes an der Universität oder den Filmemacher der Dokumentation „Overbooking“. Das Seminar wird im kommenden Jahr in der letzten Januarwoche wieder stattfinden. „Overtourismus“ (also ein „Zuviel“ an Touristen) wird auch als Steigerung von Massentourismus verstanden, es kommt zu Konflikten zwischen Einheimischen und Besuchern. Ob eine Destination bei einem „Overtourism“ angekommen ist, lässt sich unter anderem daran messen, ob es zu Protesten der Einwohner kommt. Auf Mallorca haben solche (teilweise sehr kreative) Demonstrationen in den letzten zwei Jahren immer wieder stattgefunden. den „Overtourismus“ kann man auch mittels eines Schlüssels definieren: auf einen Einwohner Mallorcas (ca. 900.000) kommen mittlerweile 14 Touristen (d.h. insgesamt fast 14 Millionen Touristen im Jahr), das bedeutet: ein Schlüssel von 1:14. Dieser Schlüssel ist nur in wenigen Destinationen wie Venedig noch höher.

Auch aus diesem Grund geht die Inselregierung den oben beschriebenen neuen Weg. Dass mit den Plänen nach Luxustourismus und -residenten allerdings nicht alle Einwohner Mallorcas glücklich sind, kann man in dem kleinen Dorf Deià (ca. 610 Einwohner) sehen: hier soll die Luxussiedlung „Petit Deià“ am Rande des Bergdorfs entstehen. Unbekannte haben im vergangenen Jahr die dort eingesetzten Baumaschinen mit Parolen wie „Stoppt Spekulation“ und „Mallorca steht nicht zum Verkauf“ besprüht. Und bereits Anfang 2018 demonstrierten rund 200 Anwohner gegen den Bau der neuen Luxussiedlung. Die meisten Bewohner von Deià sehen keinen Vorteil in den bald steigenden Einwohnerzahlen – im Gegenteil, denn nach dem Raubbau an der Natur geht man davon aus, dass die künftigen Bewohner von Petit Deià nicht dauerhaft, sondern teilweise nur wenige Wochen im Jahr dort wohnen werden. Die zunehmende Kommerzialisierung und damit steigende Mieten und Immobilienpreise vertreibe die ursprüngliche Bevölkerung aber auch die lokalen Läden, die sich nicht mehr halten können. Deià ist bereits jetzt die Gemeinde mit dem höchsten Ausländeranteil auf der Insel (37 %).

Bald wird Deià allerdings von Palma abgelöst werden. 2017 waren Palmas Neubürger zu 93 Prozent Ausländer. Bislang sind etwa ein Viertel der Einwohner Palmas Ausländer. Diese kommen aus insgesamt 182 Staaten. Die Argentinier stehen mit 11.652 gemeldeten Bürgern an der Spitze der Ausländerstatistik. Gefolgt werden sie von den Deutschen mit 8.040 Menschen. Auf den Plätzen folgen Kolumbien, Ecuador, Balkanstaaten wie Bulgarien und Rumänien und Marokko. Es gibt einige Viertel, die besonders beliebt sind: Santa Catalina, Portixol, Molinar oder El Terrreno. Während sich in diesen mittlerweile sehr teuren Vierteln vor allem Deutsche, Engländer oder Schweden tummeln, ist das Multikulti-Viertel Pere Grau vor allem bei marokkanischen, chinesischen oder lateinamerikanischem Einwanderern begehrt.

Ob es bei Multikulti bleibt oder ob es zu interkulturellen Begegnungen kommt, ist sehr unterschiedlich und hängt nicht nur von den Neubürgern, sondern auch von der Ursprungsgesellschaft ab. Natürlich muss man aufpassen, nicht in Stereotypisierungen zu verfallen, aber die mallorquinische Kultur gilt als eine eher in sich geschlossene, die nicht ausgesprochen offen gegenüber Einflüssen von aussen ist. Dies liegt nicht zuletzt an der Geschichte mit zahllosen Eroberern.

Von den wenigen Orten, in denen ich hier gelebt habe, habe ich Santa Eugenia als die offenste und gemischteste Gemeinschaft erlebt. Ein Grund dafür mag sein, dass sich eine Deutsche, Silke, dort jahrzehntelang als Integrationsbeauftragte des Ortes für ein gutes Miteinander Aller einsetzte. Dort wird das gelebt, was ich mir eigentlich nicht nur für Mallorca, sondern überall auf der Welt wünsche: Transkulturalität. Der Begriff geht davon aus, dass Kulturen nicht klar voneinander abgrenzbare Einheiten sind, sondern, besonders infolge der Globalisierung, zunehmend vernetzt und vermischt werden – hin zu einer Globalkultur.

Dies ist dann auch meine Vision: Dass wir das jeweils Beste aus den jeweiligen Kulturen nehmen und eine neue, universelle Weltkultur entwickeln! Dann wäre es egal, ob man hier geboren ist, die Eltern Deutsche und Engländer sind oder sich der mallorquinische Stammbaum bis ins Mittelalter zurückverfolgen lässt…..


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