Respekt

Am vergangenen Samstag haben wir ein wunderbares Beispiel Interkultureller Kommunikation (IK) erlebt. Vera und ich hatten zu einem sevengardens-Workshop eingeladen (sevengardens ist eine weltweite Initiative, dabei geht es um traditionelles Wissen und den Einsatz von Färberpflanzen). Mit dabei waren zwei alte Damen, die mit uns ihr Wissen über mallorquinische (Färber-)Pflanzen teilten. Catalina ist die Mutter von Toni, auf dessen Finca der Workshop stattfand; Esperanza ihre Schwester. Zusammen sind sie 170 Jahre alt! Sie erzählten uns, welche Pflanzen gegen welche Schmerzen und Wehwehchen helfen und mit welchen man färben kann. Beispielsweise ist Rotkohl auch hier heimisch und als Färberpflanze bekannt. Absolutes Lieblingsthema von Esperanza war jedoch, aus welchen Pflanzen man welche Liköre und Schnäpse herstellen kann….. Der Workshop selber ist von einer der Teilnehmerinnen, Angelika, hier wunderbar beschrieben: https://ahabaustift.com/naturfarbstoffe-neue-alte-experimente/ .

Ich möchte mit dem heutigen Beitrag auf das Thema „Familie und soziale Werte“ hinaus. Die Einstellung gegenüber älteren Menschen und der Respekt, der diesen entgegengebracht wird, ist weltweit sehr unterschiedlich. Es macht dabei einen Unterschied, ob eine Kultur eher kollektivistisch oder eher individualistisch eingestellt ist. In kollektivistischen Kulturen (z.B. fast alle afrikanischen, asiatischen, lateinamerikanischen aber auch südeuropäischen Gesellschaften) werden die eigenen (individuellen) persönlichen Bedürfnisse der Gruppe/Großfamilie untergeordnet; soziale Werte spielen eine große Rolle. In individualistischen Gesellschaften (wie den westlichen, nordeuropäischen) ist es anders herum; materielle Werte spielen eine große Rolle. Edith Broszinsky-Schwabe meint, dass heutzutage durch die Globalisierung der Märkte die Orientierung auf materielle Werte zunimmt.

Spanien und damit Mallorca ist (bislang noch) eine kollektivistische Kultur. Die (Groß-)Familie ist wichtig; das Wochenende wird meist im Großverbund verbracht. Letzten Sonntag in Port d´en Canonge beispielsweise sah man kaum Touristen, dafür aber die Bewohner des Ortes in Großgruppen: Großeltern, Eltern, Kinder, die zusammen den Tag am Meer verbringen. Aus deutscher Sicht hat das etwas Romantisches. Würden wir allerdings „gezwungen“ sein, wirklich jedes Wochenende mit der Sippschaft verbringen zu müssen, würde unsere Begeisterung dafür wahrscheinlich sinken. Unser deutsches Konzept von „Familie“ ist ein anderes. Wir denken eher in „Kleinfamilie“, also Vater, Mutter, Kind(er). In Spanien versteht man darunter drei und mehr Generationen von Verwandten. Natürlich gibt es auch hier in Spanien mittlerweile Tendenzen zu kleineren „Familien“, unter anderem da -ausgelöst durch die Finanzkrise- viele Jüngere ihr Glück im Ausland suchten, was teilweise zu einem Bruch in den Familienstrukturen führte. Insgesamt fällt mir jedoch auf, dass der Respekt, der älteren Menschen entgegengebracht wird, hier noch sehr hoch ist. Gut zu beobachten zum Beispiel bei Terminen im Krankenhaus oder bei Ärzten. Ältere Menschen sind hier immer begleitet von mindestens einem Familienmitglied. Ein Freund von mir, der neulich über mehrere Wochen im Krankenhaus lag, erzählte, dass am Bett seines etwa 80-jährigen mallorquinischen Zimmernachbarn jede Nacht jemand aus der Familie auf dem Stuhl nächtigte.

Laut Rehbein / Steinhuber/ Thomas lässt sich die starke Familienorientierung der Spanier auf den arabischen Einfluss zurückführen, der in manchen Regionen Spanien drei bis acht Jahrhunderte dauerte. Auch der starke Katholizismus sei für die Orientierung auf die Familie prägend gewesen. Zudem die Diktatur Francos: Durch Zensur, Verbote und Bespitzelung wurde ein Gefühl der Angst erzeugt, vor dem man sich nur in der eigenen Familie geschützt fühlte. Und heutzutage komme der Großfamilie weiterhin eine wichtige Rolle zu, da Familienhilfen wie Kindergeld fehlten, anderseits die Mieten und Lebenshaltungskosten steigen und sich somit die Hilfe in der Familie anbietet. (Aus: Beruflich in Spanien: Trainingsprogramm für Manager, Fach- und Führungskräfte von Ramona Rehbein, Sybille Steinhuber, Alexander Thomas).

Im beruflichen interkulturellen Kontext können Missverständnisse entstehen, wenn z.B. ein deutscher Chef nicht akzeptiert, dass sein/e spanische/r Mitarbeiter/in wegen eines Vorfalls in der „entfernteren“ Verwandtschaft die Arbeit ruhen lassen muss.

Wie immer soll es in diesem Beitrag nicht darum gehen, die verschiedenen Kulturen zu beurteilen, sondern ein größeres Verständnis füreinander zu schaffen….

Am Beispiel unseres Workshops meint das, dass wir alles stehen und liegen liessen, als die erste Dame mit einstündiger Verspätung eintraf. Aus Respekt drehte sich dann zunächst alles nur um sie. Und aus purem Respekt haben wir im Anschluss an den Workshop dann alle gemeinsam die von Toni zubereitete Paella verspeist….

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