Mallorquinische Weihnachten

Dass Weihnachten naht, erkennt man in Deutschland an der zunehmenden Zahl von den entsprechenden Süßigkeiten in den Supermärkten: Lebkuchen, Dominosteine und schokoladegefüllte Adventskalender.

Adventskalender gibt es hier auch. Die typischen spanischen Süßigkeiten allerdings sind: Turrón (ein Nougat-Mandel-Honig-Gebäck) in verschiedenen weichen und härteren Varianten, Kekse, Schokolade und „roscón de reyes“ (der „Königskuchen“, ein kranzförmiges cremiges Zuckergebäck), das vor allem am 6. Januar, dem Drei-Königs-Tag, auf den mallorquinischen Tisch kommt. Auch die endemische Ensaimada hat nunmehr noch mehr Hochkonjunktur als sonst.

In den Lebensmittelläden finden sich Jamón-Serrano-Schinken am Schweinebein, Truthahn, Lammkeulen und riesige Geschenkkörbe. In den Blumenläden überwiegen auch hier derzeit die Weihnachtssterne. Zudem gibt es weitere spanienweite Besonderheiten: Allerorten auf der Straße, am Arbeitsplatz und im Stammlokal werden Lotterielose angepriesen. In der weltberühmten Weihnachtslotterie wird jedes Jahr am 22. Dezember der „gordo“, der „Dicke“, gezogen: Die Gewinnerzahlen werden von Waisenkindern im spanischen Fernsehen vorgesungen. Vergangenes Jahr war der „gordo“ 4 Millionen Euro dick. Insgesamt werden mehrere hundert Millionen Euro über dem Land ausgeschüttet.

Was dem einen das Glückslos, ist dem anderen der Weissager: Beim Fernsehgucken hat man jetzt in der Vorweihnachtszeit das Gefühl, dass die (ohnehin schon häufigen) Sendungen mit Glücksversprechern zunehmen. Besonders gut gefällt mir Sandro Rey, ein etwa 50-jähriger Mann mit hüftlangem schwarzem Haar, der für die Wünsche seiner zumeist weiblichen, älteren Anrufer eine Kerze anzündet, was den jeweiligen Wunsch in Erfüllung gehen lässt.

Apropos: 2014 gaben die Mallorquiner im Schnitt 580,- Euro pro Kopf für Weihnachten aus – den Großteil für Geschenke, der Rest für Essen, neue Kleider und Freizeitvergnügen (MM 52/14).

In fast allen Städten, Dörfern und privaten Wohnzimmern des Landes werden derzeit „Belenes“ aufgestellt, Weihnachtskrippen mit biblischen Figuren und bäuerlichen Tieren. In Sevilla und andernorts formieren sich mit echten Menschen „lebende Krippen“, in denen verkleidete Statisten die Szenen der christlichen Weihnachtsgeschichte nachstellen. Zu den feierlichen Eröffnungen pilgern spanische Familien in Scharen. Der Fernsehsender Telecinco ruft seine Zuschauer dazu auf, Elemente für die im Studio aufgebaute Belén einzusenden. Täglich werden so neue Kamele, Löwen, Giraffen und „Scheißerchen“ dazugestellt. Diese „caganers“ oder „cagons“, stellen meist die Figur eines Bauern dar, der mit heruntergelassener Hose sein Geschäft verrichtet. Es kommen aber auch Prominente, Fußballspieler und Politiker vor. Vergangenes Jahr habe ich ein Angela-Merkel-Scheißerchen geschenkt bekommen.

Letztes Wochenende haben wir mit unserer internationalen Truppe eine Wanderung zum Kloster Ermita de Betlém gemacht („Anfang des 19. Jahrhunderts schenkte ein reicher Landbesitzer einigen Eremiten des „Ordens vom heiligen Paul und heiligen Antonius“ in der kargen Abgeschiedenheit der Serra de Levante ein Stückchen Land, auf dem sie sich niederlassen konnten. Da sie zu Beginn ihre Andacht in einem bescheidenen Stall abhalten mussten, erhielt die Einsiedelei in Anlehnung an die biblische Weihnachtsgeschichte den Namen Betlém. Die Arbeit der Mönche verwandelte das karge Tal bald in einen blühenden Terrassengarten und ein Kirchlein wurde erbaut, das Pilger als Wallfahrtsort entdeckten.…“ , aus dem Wanderführer Bruckmann und: „Im Laufe der Geschichte hat es 29 Einsiedeleien (auf Mallorca) gegeben… Heutzutage gibt es nur noch zwei bewohnte Eremitagen: Betlém bei Arta und die Santíssima Trinitat bei Valldemossa… Nachwuchs gibt es praktisch nicht, der jüngste Eremit ist zur Zeit 53 Jahre alt“ – Das ist nunmehr sechs Jahre her, aus dem Buch „600 Fragen zu Mallorca“). Los geht es für die einfache Wanderung in dem gleichnamigen Ort. Das Kloster ist mittlerweile nur noch von einem Mönch bewohnt. In einem Devotionalien-Laden verkauft er religiösen Schnickschnack: Unter anderem Taschen-Belenes für 5,- Euro. Es entspann sich eine hitzige Diskussion, ob Andrea diese in großer Stückzahl einkaufen und auf ihrem Weihnachtsmarkt-Stand im Pueblo Español für einen höheren Preis verkaufen darf. Es siegten Andreas´ moralische Bedenken. Dennoch kauften wir insgesamt neun von den Krippen – allerdings als Geschenke und als Andenken an eine tolle Wanderung (sechs davon sind auf dem Foto oben zu sehen).

Am Heiligabend, der „noche buena“, gibt es in spanischen Familien nur kleinere Überraschungen. Traditionell sitzt man als (Groß-)Familie zusammen, singt Weihnachtslieder und widmet sich dem Festmahl. Gegen Mitternacht zieht es alle dann in die „misa de gallo“ – die „Hahnenmesse“.

Nur auf Mallorca und im nördlichen Katalonien hat sich die Tradition der „neules“ erhalten, Kirchen zur Weihnachtszeit mit großen Oblaten zu dekorieren. „Seit dem 18. Jahrhundert ist dies ein Schmuck, der mit der Geburt Jesu in Verbindung gebracht wird. Die „Papieroblaten“ werden zu Girlanden zusammengefasst und aufgehängt… Nonnen sind oft echte Spezialisten in der Anfertigung von neules. Die Technik besteht darin, runde Papierbögen mehrmals zu falten und mit der Schere dann so zu beschneiden, dass Figuren oder Muster … entstehen“ (Aus: 600 Fragen zu Mallorca).

Ursprünglich ist in Spanien der 6. Januar der wichtigere Termin in der Weihnachtszeit (statt wie in Deutschland der 24. Dezember). Am Vortag kommen die Heiligen Drei Könige „Los Reyes Magos“. In Palma, Portals, Port de Sóller, Port de Alcúdia und anderen Hafenorten landen sie in aufwändig geschmückten Booten an und ziehen in einer Prozession „cabalgata“ auf den jeweiligen Marktplatz des Ortes, wo sie Geschenke an die Kinder verteilen. Beim letzten Mal nahmen an der „cabalgata“ in Palma (trotz Regen) etwa 500 Personen teil. Mit 5.050 Kilo Bonbons wurde jedoch eine Tonne Süßigkeiten weniger verteilt als 2015.

Ein weiteres Highlight des hiesigen Weihnachtens ist die Christmette in der Kathedrale von Palma de Mallorca, wo der aus dem Mittelalter stammende „Gesang der Sibil.la“, eine düstere Weissagung über das Ende der Welt, vorgetragen wird. Diese Tradition ist von der Unesco zum Weltkulturerbe ernannt worden und findet ausser auf Mallorca nur noch im (katalanisch-sprachigen) Alghero auf Sardinien statt.
Hier die deutsche Übersetzung (aus: 600 Fragen zu Mallorca):
Am Tage des Jüngsten Gerichts
Wird sich zeigen, wer (dem Herrn) Dienst erwiesen hat

Jesus Christus, der allgemeine König,
Mensch und wahrer ewiger Gott,
Wird vom Himmel kommen, um zu richten,
Und jedem geben, was ihm gebührt.

Zu den Bösen wird er zornig sagen:
„Gehet, Ihr Verfluchten, zu den Qualen,
Gehet, in das ewige Feuer
Zu Eurem Fürsten der Hölle.“

Zu den Guten wird er sagen: „Kommt, meine Kinder,
Glückselige! Nehmt in Besitz
Das Reich, welches ich Euch bereitet habe,
Seitdem die Welt erschaffen wurde.“

Bescheid´ne Jungfrau, welche geboren hat
In dieser Nacht das Jesuskind,
Tritt für uns ein vor Deinem Sohn,
Dass er uns vor der Hölle bewahre.

Am Tage des Jüngsten Gerichts,
Wird sich zeigen, wer (dem Herrn) Dienst erwiesen hat.

Eine Bekannte von mir, Carmen Jaime, eine tolle Jazz- und Flamenco-Sängerin (die auch jedes Jahr mehrmals in Berlin auftritt!), singt ebenfalls den „Gesang der Sibil.la“ an verschiedenen Orten der Insel …. Auf Youtube gibt es ein beeindruckendes Video dazu.


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