Stereotypen: Was ist „Typisch deutsch“?

Der ungarische Schriftsteller Laszlo Földenyi hat einmal gesagt: „Der bezeichnendste Charakterzug der Deutschen ist, undeutsch sein zu wollen“. Dazu passt eine Umfrage unter Berliner Studenten von der Humboldt-Universität. Die Frage „Bist Du typisch deutsch?“ wurde von fast allen negiert oder empört zurückgewiesen (aus: Herrmann Bausinger: „Typisch deutsch“).
Dies sind einige den Deutschen von anderen Kulturen zugeschriebene Eigenschaften. Wir sind:
pünktlich, fleißig, tüchtig, zuverlässig, unnachgiebig, genau, gut organisiert, wir organisieren gerne (zu beobachten im Ausland: Deutsche schauen sich gern Vorgänge an und geben dann Ratschläge, wie man den Ablauf verbessern kann), politisierend, humorlos, unfreundlich (dies fällt anderen Kulturen z.B. im Supermarkt auf: es wird häufig an der Kasse nicht gesprochen; in der Regel fehlt es sogar an einem „Bitte“ oder „Danke“), arbeitsam, präzise, effizient, konsequent, obrigkeits- und regelhörig, Weltmeister im Händeschütteln, wir arbeiten gerne eine Sache nach der anderen ab (nicht polychron, wie z.B. Spanier oder Italiener), Fakten und Zahlen schwarz auf weiß werden respektiert, wir bevorzugen schriftlichen statt mündlichen Kommunikationsfluß, wir sind pessimistisch, haben einen Hang zur Selbstzerfleischung und destruktive Tendenzen („German Angst“), wir sind arrogant und wir rasieren uns nicht die Achseln und Beine.
Nach dem Modell von Geert Hofstede (einer der großen Pioniere der Disziplin „Interkulturelle Kommunikation) neigen wir Deutschen zu einer sehr direkten Kommunikation, vor allem im Beruf. Dieser Kommunikationsstil irritiert fast alle anderen Kulturen – so z.B. die Spanier: Der geschäftliche Umgang im deutschsprachigen Raum erscheint Spaniern oft sehr direkt, zudem distanziert, manchmal gar abweisend. Dieser Eindruck entsteht neben der direken Kommunikation vor allem durch die zurückhaltende Körpersprache und das Siezen unter Kollegen und Geschäftspartnern. Spanier nennen uns Deutsche gerne „cabezas cuadradas“ – also Quadratköpfe. Im Quadrat sind alle Seiten gleich lang und kalkulierbar. Zudem hat das Quadrat vier Ecken: Und im wahrsten Sinne ecken Deutsche durch den sehr direkten Kommunikationsstil in Spanien häufig an.
Wir Deutschen werden im Ausland als extrem genau, pedantisch, organisiert und zuverlässig (Stichwort “Deutsche Wertarbeit” und “Made in Germany”), jedoch auch als sehr ernsthaft, emotions- und humorlos empfunden. Im Reisebericht “5 Things to love & hate about Germany” wird z.B. bei den fünf Dingen, die man als Ausländer in Deutschland nicht leiden können wird, gesagt, dass Deutsche sehr ernst(haft), zurückhaltend und kalt seien. Weitere negative Dinge: dass man dafür bezahlen muss, aufs Klo gehen zu dürfen, dass alles teurer ist, dass der Service schlecht und unfreundlich ist und dass an Sonn- und Feiertagen alle Geschäfte geschlossen haben.
Die fünf positiven Dinge in dem Bericht: dass alles sauber und organisiert ist, dass Deutsche, wenn Du sie einmal als Freund gewonnen hast, für immer Freunde bleiben, dass der öffentliche Nahverkehr gut und pünktlich ist, dass Deutschland so viele Museen, Sehenswürdigkeiten und tolle Landschaften hat und die vielen Festivals, Karneval, Oktoberfest etc.
Typisch deutsche Produkte:
Wie wenig Stereotypen oft mit einem selber zu tun haben, wird deutlich, wenn man sich die Produkte anschaut, die anderen Kulturen einfallen, wenn sie an Deutschland denken:
 Gartenzwerge
 Bier und Weißwurst
 Kuckucksuhr
 Birkenstockschuhe und weiße Socken in denselben
 Lederhosen und Dirndl
 Fußball
 Schrankwand
 Dickes Auto
und noch einige weniger bekannte Produkte und „Macken“:
 Ins Kissen geprügelter Knick
 Bundeskegelbahn
 Strandburgenbau
 Die Aussage „Mahlzeit“, wann immer man jemandem Mittags begegnet
 Deutschrock
 Handtücher-auf-Liegen-Leger
 Tischmülleimer
Also ich kann mich nur mit Bier und (ab und zu) Weißwurst identifizieren…
Im Stern 43/2000 wurde als typisch deutsch beschrieben: „Was dem Deutschen nicht passt, denunziert er als typisch deutsch, z.B. der Autofahrer die Knöllchenverteilerin und die deutsche Bürokratie oder der bessere Mallorca-Tourist die verprollten Landsleute in El Arenal“.
Dass dies Irrtümer sind, kann man belegen:
• In Magaluf geht es eher noch schlimmer zu als in El Arenal. Das würde bedeuten, dass die Briten noch verprollter wären als die Deutschen – dies ist aber keine ihnen zugeschriebene Eigenschaft.
• Probleme mit den Behörden sind zum Beispiel in Spanien, Griechenland oder Italien noch ausufernder, bürokratischer und undurchschaubarer als in Deutschland (dazu oft auch noch korrupt). Für Spanien hat das Meinungsforschungsinstitut CIS kürzlich im Rahmen seiner regelmäßigen Stimmungsbarometer spanische Bürger zu dem Thema befragt. Das Ergebnis fiel eindeutig aus: Mehr als 70 Prozent der Befragten gaben an, der Umgang mit der Verwaltung sei schwierig. Fast die Hälfte der Befragten bewertete das Funktionieren der spanischen Bürokratie als „schlecht“ oder sogar „sehr schlecht“. Fast zwei Drittel gaben an, die Verwaltung funktioniere heute genauso wie oder schlechter als vor zehn Jahren. In Spanien und speziell hier auf Mallorca hat sich dadurch beispielsweise ein ganzer Berufszweig etabliert: Nirgendwo sonst in Europa gibt es ein derart dichtes Netz an „Gestorías“ – Firmen, die sich darauf spezialisiert haben, den Bürgern Ämtergänge abzunehmen (Quelle MM 12.11.12).
Dazu: Der Kurzfilm „036“ von Juan Fernando Andrés Parrilla y Esteban Roel García Vázquez kam beim 9. Jameson Notodo-Filmfestival ins Finale:

Einige weitere angeblich typisch deutsche Eigenschaften haben woanders eine noch viel stärkere Ausprägung (alles aus dem o.g. Stern)… da sind andere Kulturen also noch viel deutscher als wir!:
• Penibles Rasenmähen ist in GB noch penibler
• In Kanada gibt es mehr Gartenzwerge als in Deutschland
• Ungarn sind insgesamt dicker als die Deutschen
• Fleiß, Ordnung, Disziplin, Pünktlichkeit: Deutsche haben die geringste Sollarbeitszeit in der EU, haben mit längsten Urlaub nach Finnland, Italien und NL. Für 47% sind Kreativität und Spaß wichtiger als guter Verdienst.
Hier noch ein paar weitere Auszüge von Anderen über uns Deutsche:
Der texanischer Ethnolog Richard McCormack spricht von einer „Malkontentengesellschaft“ (in: „Unter Deutschen“): jeder fühle sich von jedem gemein behandelt, jammere über soziale Grausamkeiten und Schlechtwetterzulagekürzung oder Trennungsgeldminderung.
Nur in Dt. freut sich ein vermeintlich besserer Teil der Bevölkerung, wenn die Nationalmannschaft verliert – undenkbar woanders. Der Wirt auf einer Tropeninsel, der seinen deutschen Gästen freudig mitteilt, soeben seien Landsleute angekommen, erntet indignierte Mienen. Deutsche Touris? Wie furchtbar. Wer etwas auf sich hält, gebärdet sich im Ausland, als wollte er potenzielle Asylbewerber abschrecken. Das Deutschland, das manche Deutsche den Einheimischen ausmalen, ist so etwas wie das Herz der Finsternis.
Pascale Hugues (in: „Deutsches Glück“) schreibt unter Verrücktheiten, die sie in Deutschland entdeckt hat: gewaltfreie Anti-Mückensprays, Vereinigung lesbischer Bäuerinnen gegen Gorleben oder die Stehpinkler-Debatte.
Auch schön: von Herrmann Bausinger (In: „Typisch deutsch“)
• Bei Umfragen geben Männer an, auf deutschen Autobahnen durchschnittlich 140 km zu fahren, Frauen geben 130 km an. Dies sei voraussichtlich übertrieben; der Autor schließt daraus, dass (zu) schnelles Fahren chic ist.
Der und die typische Deutsche sehen übrigens so aus:
• Deutsche sind im Durchschnitt 1,73 m groß; der Unterschied zwischen Frauen und Männer beträgt durchschnittlich 10 cm
• Die deutsche Frau hat durchschnittlich 1,15 Kinder und Schuhgröße 38,5
• Der Fernsehkonsum liegt bei täglich 192 Minuten
• Das durschschnittliche Heiratsalter: Männer knapp 30, Frauen 26 Jahre

Im März 2014 kommt ein Film in die Kinos: „Wer ist Thomas Müller?“
http://www.wer-ist-thomas-mueller.de/statistik/rubrik/articles/zahlen-bitte.html
Daraus stammen folgende Informationen:
• Mit fast 9,36 Min täglich surfen die Deutschen weltweit am längsten und häufigsten auf Pornoseiten.
• In Deutschland werden mehr Döner Kebaps als Hamburger verkauft.
• 43% der zwischen 14-29 jährigen können sich ein Leben ohne ihren Partner nicht vorstellen
• 97% der gleichen Zielgruppe können sich ein Leben ohne Handy nicht vorstellen!
• Bei der WM 2006 wurden 10 von 14 Toren für Deutschland von Menschen erzielt, die nicht in Deutschland geboren sind.
• Fernsehen ist die liebste Freizeitbeschäftigung der Deutschen.
• Das Internet liegt auf dem 16. Platz, noch hinter Kaffee trinken/Kuchen essen, Faulenzen.
• Deutsche gehen pro Jahr 1,61 Mal ins Kino.
• Jede 4. Kinokarte wird für einen deutschen Film gelöst.
• 79% der Deutschen lehnen Schönheitsoperationen ab.
• Jedes Jahr lassen sich 20.000 Frauen die Brüste vergrößern.
• Und 715 Männer sich die Brüste verkleinern.
• Wer von Kissing in Bayern nach Fucking in Österreich will, braucht mehr als zwei Stunden. Zwischen beiden Orten liegen 196 Kilometer. Wer einen Umweg über Petting und Blasen nimmt, ist mehr als 5 Stunden unterwegs.
• Der Durchschnittsdeutsche gibt monatlich mehr Geld für Alkohol als für Gemüse aus.
• Nationalstolz ist ein schwieriges Thema, stattdessen gibt es Stadt- oder Regionalstolz, das zeigen Interpreten, deren Lieder zum Teil in Fußballstadien zu Hymnen avancierten wie bei Lotto King Karl:
Herbert Grönemeyer Bochum
Lotto King Karl Hamburg
Missfits Oberhausen
Klaus & Klaus An der Nordseeküste
De Höhner Hey Kölle
Dieter Thomas Heck Komm mit nach Wuppertal
Wolfgang Petry Ruhrgebiet
Rainald Grebe Sachsen
Sauerland Zoff
Abstürzende Brieftauben Paderborn.
Bei dem Test, der auf der Website angeboten wird „Wie deutsch bist Du?“ kam bei mir übrigens heraus: „Du bist so deutsch wie gedämpfte Hühnerfüße. Von typisch deutsch bist Du soweit entfernt wie Heidi Klum von Hochkultur. Was auf der anderen Seite bedeutet: Du bist entspannt, gut gelaunt und nimmst die Dinge nicht so ernst. Herzlichen Glückwunsch!“ War aber auch nicht schwer…. http://www.wer-ist-thomas-mueller.de/mitmachen/mueller-test.html

An Stereotypen ist immer etwas Wahres dran; so kann ich nicht verhehlen, dass ich (relative) Pünktlichkeit mag, ich kann sehr konzentriert und organisiert arbeiten, bin ehrgeizig und individualistisch, ich mag lange, alte Freundschaften, aufgesetzte Freundlichkeit hingegen nicht.
Aber: Stereotypen gelten nie ganz und gar für alle Beteiligten einer Kultur (ein weiterer Begriff, den ich demnächst in die Mangel nehmen werde). Es gibt große Unterschiede zwischen den Generationen und auch große Unterschiede zwischen den einzelnen Regionen eines Landes. In Bezug auf Deutschland und seine Bundesländer kann man feststellen, dass ein Bayer mit einem Friesen etwa soviel gemein hat wie ein Mallorquiner mit einem Andalusier!
Zum Abschluss noch eine Anekdote von heute (6.1.2015) zu dem diesen Text bebildernden Nutella-Foto (welches übrigens aus Sardinien stammt): Wir waren zum Drei-Königs-Brunch bei unseren Nachbarn eingeladen. Auf dem Tisch stand auch eines der Lieblingsfrühstücksprodukte der Deutschen. Und von den Anwesenden waren die Hälfte davon überzeugt, dass es sich um ein deutsches Produkt handelt …. die (zwei) Italienerinnen unter den Anwesenden wurden fuchsteufelswild und meinten, dass sie das schon so oft gehört hätten und was wir denn meinten, wer hinter Nutella stehe…. die Firma FERRERO!!!!
Es war der Stimmung NICHT zuträglich, dass wir gewitzelt haben, die Familie könnte ja auch nach Deutschland eingewandert sein und wer weiß, ob die Gründerin von Nutella nicht Gertrude Heidi Ferrero heißen würde….


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