Interkulturelle Kompetenz spart Geld

Interkulturelle Missverständnisse kosten oft viel Zeit und Geld. Deshalb macht es hochgradig Sinn, in die eigene bzw. die Fortbildung von Mitarbeitern zu investieren. Mir fällt dazu das Beispiel eines Freundes ein, der von einem der weltweit größten Software-Konzerne als Projektleiter nach Indien entsandt wurde. Er sollte eigentlich eine neue Filiale dort aufbauen, kam aber bereits nach 6 Wochen zurück, weil „man mit den Menschen dort nicht zusammenarbeiten kann. Sie nicken immerzu und sagen Dir, dass sie verstanden haben, was Du sagst, aber … die Umsetzung ist eine Katastrophe“.

Nach Geert Hofstede hat dieses Interkulturelle Missverständnis damit zu tun, dass die indische Kultur eine höhere Machtdistanz aufweist als die deutsche (dass Macht dort also akzeptierter ist als bei uns). Zudem ist der Kommunikationsstil indirekt – ein klares Nein werden Sie selten von einem Inder hören – gegenüber dem sehr direkten deutschen. Und es hat zu tun mit einem unterschiedlichen Verständnis von Hierarchie. Leben wir in Deutschland (meist) flache Hierarchien, sind diese dort vielfältiger und starr.

Auch in Spanien – und eben auch auf Mallorca – zählt Hierarchie oft mehr als in Deutschland. Seinem Chef widerspricht man nicht; schon gar nicht öffentlich! Scheinbar widersprüchlich hierzu wird aber (durch alle Hierarchieebenen hindurch) mehr Wert auf eine gute Beziehung untereinander gelegt als in Deutschland. Fast alle südeuropäischen Kulturen sind „Beziehungs-orientierter“ als die nordeuropäischen. Wir sind „Sach-orientierter“. Hier auf Mallorca möchte man erst einmal wissen, was der neue Mitarbeiter für ein Mensch ist und eine gute Beziehung aufbauen, bevor es „ans Werk“ geht. Uns Deutschen erscheint das oft ein wenig überflüssig (in einem früheren Post berichtete ich bereits). Insbesondere Kritik wird hier überaus vorsichtig angebracht – wenn man sie überhaupt äußert. Meist wird sie so verklausuliert verpackt, dass unsere deutschen Ohren es sogar noch als Kompliment auffassen können. Auch die britische oder schweizerische Kultur meint mit Äußerungen wie „Das klingt interessant“ oder „Ich werde darüber nachdenken“, das Gegenteil von dem, was wir verstehen, nämlich, dass eine weitere Besprechung des Themas unnötig ist.

Auf Mallorca sind viele Unternehmen noch Eigentümer-geführt. Der Hotel-Konzern Meliá ist beispielsweise eine von Spaniens größten Hotelketten. Meliá wurde 1956 gegründet und bis heute hält die Gründerfamilie den Löwenanteil. Ebenso bei der Barceló-Unternehmensgruppe. 1930 wurde das Business von einem Bauernsohn mit einem Bus für den Shuttle von Palma gestartet. Beide heutigen Chefs des Konzerns tragen nach guter alter mallorquinischer Tradition den Vornamen des Gründungs-Großvaters, Simón Barceló.

Insbesondere in Eigentümer-geführten Unternehmen ist Hierarchie Ehrensache. Der Chef entscheidet auch noch kleinste Dinge. Bei einem spanischen Auftraggeber, wo ich ab und zu als Urlaubsvertretung arbeite, müssen die offiziellen Vertretungs-Anfragen an mich immer von dem Abteilungsleiter gestellt werden. Wenn es Terminschwierigkeiten gibt, geht es immer munter per Email hin und her …. Dies hätten wir theoretisch unter uns Kolleginnen mit einem Telefonat ausmachen können.

Was mir hier auf Mallorca (und in ganz Spanien) hingegen sehr gut gefällt ist, dass man bei neuen Bekanntschaften nicht (wie in Deutschland) als Erstes gefragt wird: „Und, was machst Du / machen Sie beruflich?“. Auch wenn Hierarchie hier sehr hochgehalten wird, ist es im Privaten egal, was jemand arbeitet und welche Position er erreicht hat. Man ist an dem Menschen interessiert. Auch Statussymbole haben hier kaum eine Bedeutung (nach meiner Wahrnehmung und Recherche). Die dicksten Autos fahren hier Ausländer und die (nach außen hin) protzigsten Häuser gehören zumeist Deutschen. Protzig kann es in mallorquinischen Häuser auch zugehen, in der Regel ist das von außen aber nicht zu sehen. Der Hintergrund dafür liegt wohl darin, dass Neid ein geächtetes Gefühl darstellt (was nicht bedeuten soll, dass es ihn nicht bestimmt auch gibt).

Die Finca, auf der ich jahrelang lebte, gehört einer der reichsten Familien der Insel. Einer der „Unternehmens“verwalter, ein älterer Spross der Familie, kam regelmäßig in seinem uralten R4 angefahren (die hier übrigens noch sehr zahlreich herumfahren) und werkelte in seinem schlabbrigen ausgeleierten Pulli im Garten herum, weil er das „schon immer so gemacht hätte“ und ihn die Arbeit beruhige.

Dies bringt mich zu einem weiteren Tipp für eine bessere Zusammenarbeit zwischen Deutschen und Mallorquinern: Beindrucken tun Sie hier bei Bewerbungen und im Vorstellungsgespräch nicht unbedingt durch beste Zeugnisse und eine teure Kleidung. Kommen Sie zu streng und deutsch daher, wird das Ihre Chancen auf einen Job nicht verbessern. Seien Sie lieber locker und erzählen auch etwas von sich. Besonders gerne genommen sind dabei Geschichten über Ihre Familie oder Hobbys… Idealerweise ergibt sich darüber sogar, dass man gemeinsame Bekannte hat – ein weiterer Stein im Interkulturellen Arbeitspuzzle…. Ein gut gepflegtes Netzwerk hat hier eine höhere Bedeutung als in Deutschland – und kostet Sie keinen Pfennig!


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