Was Du von anderen Kulturen für Deine eigene Trauerbewältigung lernen kannst

Der Umgang mit Trauer ist kulturell sehr unterschiedlich– geprägt durch Religion, soziale Normen, Geschichte und das jeweilige Verständnis von Tod und Gemeinschaft. Es gibt einige typische Muster in verschiedenen Kulturen, aber natürlich gibt es immer auch individuelle Unterschiede. Aus eigener Erfahrung kann ich sagen, dass ich anscheinend gerade nicht “typisch deutsch” um meine Mama trauere.

(Die folgenden Ausschnitte sind teilweise stark vereinfacht und natürlich ist eine Zusammenfassung der vielen verschiedenen Kulturen unter ein Cluster mit Vorsicht zu geniessen… )

“Der Westen”
In nord- und westlich-europäischen und nordamerikanischen Kulturen wird Trauer eher privat “verarbeitet”. Gefühle werden eher (nur) im engen Familienkreis gezeigt. Es ist zwar auch legitim, Trauer um insbesondere sehr nahestehende Menschen in der Öffentlichkeit zu zeigen, jedoch gibt es eine implizite Erwartung, „irgendwann wieder zu funktionieren“. Psychotherapie oder Trauergruppen sind als Verarbeitungsstrategien dazu durchaus akzeptiert. In dem Heft von Geo kompakt “Wie wir mit dem Tod umgehen” wird die Frage gestellt: ”Was macht es uns heute so schwer, mit Trauer umzugehen? In Ländern wie Mexiko und Ghana gibt es sehr fröhliche Trauerrituale.”. Auf diese Frage antwortet der Psychologe Hansjörg Znoj: “Tod und Trauer haben in unserer Kultur ihren festen Platz verloren. Wir haben beides weitgehend aus dem öffentlichen Raum verbannt. Daher wissen auch so viele Menschen nicht, wie sie mit Trauer umgehen sollen, ihr Ausdruck verleihen sollen.” Und später auf die Frage, wie die Gesellschaft besser mit Trauer umgehen könnte: “Ich halte es für wichtig, dass eine Gesellschaft Zustände wie Trauer, in denen man nicht gut funktioniert, mehr akzeptiert. … dass Tod und Sterben nicht länger derart tabuisiert und vom Leben ferngehalten werden. … Es gab wohl noch nie eine Zeit, in der Menschen so viel individuelles Glück erleben konnten. Aber die Verdrängung von Tod und Trauer ist gewissermaßen der Preis dafür.”.

Ost- und Südostasien
In ostasiatischen Kulturen (z. B. China, Japan, Korea) haben Verstorbene einen festen Platz in der Familie; teilweise ist dieser sogar ein physischer Platz (ein kleiner Schrein oder Gedenkaltar) im Haus oder Garten. Es gibt eine fortdauernde Beziehung zu den Verstorbenen durch Rituale. Starke Rituale wie Ahnenverehrung, Gedenkaltäre, regelmäßige Opfergaben sind Ausdrücke dessen. Anders als in stark individualistischen Gesellschaften ist hier Trauer eine “kollektive Verantwortung” – die Gross-Familie trägt gemeinsam die Trauer. Diese kann sehr tief und weit gehen. In der Öffentlichkeit ist allerdings Zurückhaltung im Ausdruck erwünscht. Offene, laute Trauer wird teils als unangemessen empfunden.

Sub-Sahara
In Sub-Sahara afrikanischen Kulturen wird in der Regel gemeinschaftlich (über die Familie hinaus) getrauert. Das ganze Dorf oder die Gemeinschaft ist beteiligt. Die Trauer wird ausdrucksstark gezeigt: Weinen, Klagen, Tanzen, Singen – Emotionen dürfen sichtbar sein. Zum Teil sind die Trauerphasen sehr lang. Rituale können sich über Wochen oder Monate erstrecken. Der Tod hat hier eine spirituelle Dimension. Er wird oft als Übergang in eine andere Existenzform gesehen.

In Ghana sieht es allerdings ganz anders aus; hier gibt es farbenfrohe „Fantasy-Särge“ und Abschieds-Partys. Der Tod eines Menschen – insbesondere im höheren Alter oder nach einem erfüllten Leben – ist ein Übergang in die Ahnenwelt und ein Grund zur Dankbarkeit. Beerdigungen gleichen oft großen, mehrtägigen gesellschaftlichen Festen mit lauter Musik, Gesang, Tanz und aufwendigen Choreografien. Die Särge werden oft maßgeschneidert und spiegeln den Beruf oder die Leidenschaft des Verstorbenen wider (z. B. ein Sarg in Form eines Fisches, eines Autos oder einer Ketchup-Flasche). Einen Einblick bietet der GEO-Bericht zu Beerdigungen in Ghana. Daraus: “Der Trend geht zu immer opulenteren Partys – und bedeuten mitunter ein hohes finanzielles Risiko”.

Lateinamerika
In lateinamerikanischen Kulturen wird der Tod als Teil des Lebens gesehen; dies ist besonders sichtbar z. B. beim Día de los Muertos in Mexiko. Bei diesem Feiertag gibt man sich der Erinnerung an die Verstorbenen hin. Altäre, Musik, Essen – Trauer und Freude existieren nebeneinander. Es entsteht in den Familien eine noch engere emotionale und physische Nähe in Trauerzeiten. Dieser Tag der Toten ist einer der wichtigsten mexikanischen Feiertage. Die Vorbereitungszeit für die Feierlichkeiten beginnt Mitte Oktober; gefeiert wird vom Vorabend von Allerheiligen (31. Oktober) bis zum 2. November. Dabei wird der Tag der Toten je nach Region auf verschiedene Weise gefeiert. Nach altem Glauben kommen die Toten einmal im Jahr zum Ende der Erntezeit zu Besuch aus dem Jenseits und feiern gemeinsam mit den Lebenden ein fröhliches Wiedersehen mit Musik, Tanz und gutem Essen. Das Brauchtum zum Tag der Toten wurde 2003 von der UNESCO 2008 in die Repräsentative Liste des immateriellen Kulturerbes der Menschheit übernommen.

Islamische Kulturen
In islamisch geprägten Kulturen ist ein wichtiger Grundsatz, die Akzeptanz des Todes als Wille Allahs. Die Trauer wird religiös gerahmt. Beerdigungen finden meist sehr schnell nach dem Tod statt. In den einzelnen islamisch geprägten Ländern wird unterschiedlich mit dem Ausdruck der Trauer umgegangen. Exzessives Klagen ist teils üblich, teils aber auch nicht erwünscht. Als stark kollektivistisch geprägte Kulturen findet sich in allen muslimischen Ländern eine starke gemeinschaftliche Unterstützung in Trauerzeiten. Nachbarn und Familie kümmern sich um die Trauernden. Im Zentrum des Islam steht der Koran. Danach muss der Mensch nach seinem Tod seine Handlungen im irdischen Leben beim jüngsten Gericht vor Allah verantworten. Wer ein gottgefälliges Leben geführt hat, wird mit dem Paradies belohnt. Wer allerdings ein sündiges Leben geführt hat, dem droht die Hölle. Wenn die Muslime, die in der Hölle gelandet sind, Glück haben, dürfen sie darauf hoffen, nach einer Zeit, die sie als Strafe in der Hölle verbringen mussten, doch noch ins Paradies zu kommen. Ungläubige müssen allerdings in jedem Fall auf immer in der Hölle bleiben.

Judentum
In der jüdischen Tradition steht ebenfalls die Gemeinschaft im Mittelpunkt. Trauernde werden besucht und versorgt. Als Erinnerung an die Verstorbenen sind jährliche Gedenktage (Jahrzeit) und das Kaddisch-Gebet üblich. Die Trauerphasen sind stark strukturiert: z. B. Schiwa (7 Tage) bei der Familie und Freunde zusammenkommen, um den Trauernden beizustehen. Jüdische Friedhöfe werden auch als “Haus der Ewigkeit” bezeichnet. Wie es der Seele nach dem Tod geht, darüber gibt es allerdings im Judentum unterschiedliche Vorstellungen; manche glauben, dass jeder Tote vor Gottes Gericht kommt und nur durch die Gnade des Allmächtigen die Seele des Toten weiterleben kann. Andere sind überzeugt, dass irgendwann alle Toten gemeinsam auferstehen werden und Gott am Jüngsten Tag alle wieder lebendig machen wird.

Buddhismus
Im Buddhismus wird davon ausgegangen, dass es einen leidvollen Kreislauf aus Leben, Tod und Wiedergeburt gibt, das “Samsara”. Wie man wiedergeboren wird, hängt von der moralischen Qualität der Taten im Leben ab – dem “Karma”. Der Begründer der buddhistischen Lehre, Siddartha Gautama, fand um 528 v. Chr. einen Weg, aus dem Kreislauf auszusteigen. Und zwar über den “Achtfachen Pfad”. Er besteht zum Beispiel aus Gewaltlosigkeit und Konzentration. Wer es schafft, tritt ein in einen Zustand des Nicht-Seins und der Überwindung aller Begierden, wo alles Leid erlischt. Dies ist das “Nirvana”.

Hinduismus
In der hinduistischen Tradition steht der Kreislauf des Lebens im Vordergrund beim Umgang mit der Trauer. Der Tod wird als Übergang zur Wiedergeburt gesehen. Für die Trauerzeit gibt es strikte Regeln und feste Rituale. Die Feuerbestattung ist dabei ein wichtiger spiritueller Akt. Die Trauerzeit beträgt meist 13 Tage, danach findet eine “Rückkehr in den Alltag” statt. Der Hinduismus ist eine der wenigen nicht-monotheistischen Religionen, wo also nicht an nur einen einzelnen Gott geglaubt wird, sondern an viele Götter. Für Hindus liegt allem ein unverbindliches Prinzip zu Grunde: “Brahman,” die Allseele. Sie lebt außerhalb des menschlichen Bewusstseins, jeder Mensch trägt aber den Samen in sich, das “Atman”, die Einzelseele. Durch Meditation kann es zur Verschmelzung der beiden kommen. Wenn ein Hindu diese Verschmelzung, das “Moksha” erlebt, kann er sich aus dem Kreislauf befreien von Geburt, Tod und Wiedergeburt. Dieser Kreislauf wird ansonsten durch Handlungen im gegenwärtigen Leben beeinflusst, dem “Karma”. Wer im irdischen Leben gut handelt, wird mit einer Wiedergeburt in einem guten Leben belohnt. Wer schlecht oder böse handelt, riskiert eine Wiedergeburt als Ratte oder Wurm.

China
Hier wird die Kraft der Ahnen “gefeiert”. Weiß ist dabei traditionell die Farbe der Trauer, der Reinheit und des spirituellen Übergangs (im Gegensatz zum Westen, wo Weiß für Hochzeit steht). Angehörige tragen bei traditionellen Beerdigungen einfache weiße Gewänder oder grobe Stoffe (Jute). Rote Kleidung ist strikt tabu, da sie für Glück und Freude steht. Die Trauerzeit kann sich über Wochen und Monate (z. B. bis zu 100 Tage) erstrecken, begleitet von Ahnenverehrung und Reflexion. Ist der Verstorbene sehr alt (über 80 Jahre) geworden, verschiebt sich die Stimmung oft von tiefer Trauer hin zur Feier eines langen Lebens (manchmal wird dann auch Rosa getragen). Hintergründe dazu erklärt das German China Portal

Neue Formen des Abschieds und der Trauerbewältigung im „Westen“
In Deutschland und anderen westlichen Ländern hat sich der Umgang mit Trauer in den letzten Jahrzehnten spürbar verändert. Diese Veränderungen betreffen Rituale, Bestattungsformen, Sprache, soziale Erwartungen und die Art, wie Grabstätten genutzt werden. Die Entwicklungen sind Teil einer breiteren gesellschaftlichen Dynamik hin zu mehr Individualisierung, Digitalisierung und einer Lockerung traditioneller Normen.

Früher waren Bestattungen und Trauerfeiern stark kirchlich geprägt – mit Pfarrer/Pastor, Gottesdienst und festen Ritualen. Heute ist die Bindung an Kirche und traditionelle Formate zurückgegangen, und viele Menschen wollen eine
persönlichere, authentischere Abschiedsgestaltung (z. B. freie Trauerredner:innen, kreative Zeremonien, individuelle Musik oder spezielle Orte). Auch die Sprache selber hat sich geändert: Begriffe wie Trauerbegleiter:in oder individuelle Abschiedsfeier sind im Alltag häufiger geworden und spiegeln eine andere Haltung wider.

Neue Bestattungsformen und Orte
Es gibt immer mehr alternative Bestattungsformen, die von klassischen Erd- oder Urnenbestattungen abweichen:
• Baum- oder Wald-Bestattungen
• Seebestattungen
• Diamant- oder Schmuckgedächtnisse aus der Asche.
In einigen Bundesländern werden sogar liberalere Bestattungsgesetze eingeführt, die neue Formen ermöglichen (z. B. Asche im Garten oder Flussbestattung). Im US Staat Washington sind zudem bereits spezielle “Biokisten” erlaubt. Verstorbene werden über einen Zeitraum von einigen Wochen durch Mikroben kompostiert. In der zurückbleibenden Erde können Angehörige dann einen Baum pflanzen.

Auch haben neue Technologien Einzug gehalten und verändern den Umgang mit Trauer; so gibt es z.B.:
• Digitale Gedenkseiten und Online-Trauerportale
• QR-Codes auf Grabsteinen mit Erinnerungen oder Lebensgeschichten
• Austausch und Erinnerungen über soziale Medien
Solche neuen Formen erlauben es, dass die Verstorbenen „präsent“ bleiben und zeigen eine Verlagerung vom rein physischen zum auch digitalen Erinnern. Ein Freund von mir erstellt z.B. Videos von Verstorbenen als Erinnerung für ihre Familie und Freunde.

Trauer ist sehr individuell

So unterschiedlich der Umgang mit Trauer in den verschiedenen Kulturen ist, so ist er auch individuell sehr verschieden. Manche Menschen trauern lange Zeit, manche kürzer. Einige laut, andere eher still. Manche alleine, manche in Gemeinschaft…. Für Trauer gibt es kein richtig oder falsch.

Sehr schön finde ich die Seite https://www.trosthelden.de/ratgeber/trauer-verschiedene-kulturen und hier insbesondere den Absatz, der diesem Beitrag den Titel gegeben hat: “Was Du von anderen Kulturen für Deine eigene Trauerbewältigung lernen kannst”.
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Ich selber glaube, dass meine Mama nur körperlich gegangen ist. Ich habe das Gefühl, sie ist um mich herum. Ich denke jeden Tag an sie und halte bei wichtigen Fragen Zwiesprache mit ihr….


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