Glück ist ein faszinierendes Thema – es kann so vieles bedeuten, je nachdem, wen man fragt. Philosophisch gesehen ist Glück eine Mischung aus innerem Frieden, Zufriedenheit und einem Gefühl von Sinn im Leben. Psychologisch wird es gerne als subjektives Wohlbefinden beschrieben – also wie oft man positive Gefühle erlebt, wie wenig negative, und wie zufrieden man mit dem eigenen Leben insgesamt ist.
Aber ganz persönlich ausgedrückt? Glück kann ein Moment sein, in dem alles gerade richtig ist – ein Lächeln, eine Umarmung, das erste Sonnenlicht nach einer langen Nacht. Oder auch langfristig: das Gefühl, auf dem richtigen Weg zu sein, selbst wenn’s mal holprig ist. In jeder Ausgabe der Zeitung “Die Zeit” erscheint auf der letzten Seite meine Lieblings-Rubrik “Was mein Leben reicher macht”; darunter beschreiben jeweils circa zehn Menschen ihre persönlichen kleinen oder großen Glücksmomente.
Glück definiert jede/r für sich anders. Was mich in letzter Zeit besonders glücklich gemacht hat: dass der Frühling kommt / Eichelhäher, die im Baum gegenüber ein Nest bauen / in unentdeckten Regionen wandern / tiefgehende Gespräche mit Freundinnen führen / Sonne / Natur …
Die Vorstellung von Glück ist nicht nur individuell verschieden, sondern tatsächlich auch stark kulturell geprägt – was in einer Kultur als „glücklich sein“ gilt, kann in einer anderen völlig anders verstanden werden. Hier ein kleiner Streifzug durch verschiedene Kulturen:
🇩🇰 Skandinavien (z. B. Dänemark)
Hier gibt es das schöne Konzept Hygge – das Glück in kleinen, gemütlichen Momenten mit Familie und Freund:innen. Nicht laut oder spektakulär, sondern still, sicher und geborgen. Glück entsteht durch kleine Rituale: gemeinsam essen, Kerzenlicht, Natur.
Auch soziale Gleichheit und Sicherheit spielen eine große Rolle im Glücksverständnis.
In Ländern wie Finnland oder Dänemark ist Glück tief verankert im Alltagskomfort und sozialem Ausgleich. Der Alltag ist oft weniger von Statusdenken geprägt, eher auf Gleichheit, Vertrauen und Gemeinschaft ausgelegt. Der Staat sorgt für Bildung, Gesundheit & Rente – das gibt Sicherheit, die wiederum Raum für Glück schafft.
Dies sind Gründe dafür, warum Finnland und Dänemark seit Jahren jeweils auf den ersten Plätzen beim World Happiness Report liegen… (siehe auch ein anderer Artikel in diesem Blog).
🧘♂️ Buddhismus
Glück ist hier eng mit innerem Frieden und spiritueller Erfüllung verbunden. Im Buddhismus z. B. ist Glück nicht das Ergebnis äußerer Umstände, sondern entsteht durch das Loslassen von Verlangen und Anhaftung. Der Zustand des „Nirwana“ wird als ultimatives Glück gesehen – frei von Leiden.
Hier geht es nicht darum, Glück zu erreichen, sondern Leiden zu überwinden.
Glück wird als innere Arbeit gesehen – durch Meditation, Achtsamkeit, Yoga. Viel Wert wird auf inneren Frieden statt äußerem Erfolg gelegt. Der Schatten ist hier: die Gleichzeitigkeit und der Widerspruch zwischen spirituellem Ideal und moderner Konsumgesellschaft.
🇨🇳 China (Konfuzianismus, Daoismus)
Im Konfuzianismus ist Glück oft mit Harmonie in der Familie und Gesellschaft verknüpft. Ein gutes, tugendhaftes Leben in Balance mit den sozialen Rollen gilt als Glücksquelle. Im Daoismus hingegen ist Glück eher das Leben im Einklang mit dem Dao, dem natürlichen Fluss des Universums – also loslassen, fließen, nicht gegen das Leben ankämpfen.
Auch hier kommen immer mehr Menschen (vor allem der jüngeren Generation) in Konflikt. Die traditionellen Werte für Glück passen schlecht zu den durch die Globalisierung und den Kapitalismus vermittelten Glücksversprechen.
🇺🇸 USA
Glück wird hier häufig mit individuellem Erfolg, Freiheit und positiven Gefühlen gleichgesetzt. „Pursuit of Happiness“ ist sogar in der Unabhängigkeitserklärung verankert.
Auch in anderen Ländern der “westlichen Welt” basieren Glücksmodelle auf hedonistischen (Freude, Genuss) oder eudaimonischen (Sinn, Selbstverwirklichung) Konzepten. Glück wird oft als persönliches Projekt verstanden. Menschen sind eher dazu motiviert, Ziele zu verfolgen, die ihnen individuelle Erfüllung bringen (Karriere, Reisen, Selbstoptimierung). Der Schatten von diesem Glückskonzept ist: Es kann auch zu Leistungsdruck führen – man „muss“ glücklich sein, sonst macht man etwas falsch. Therapie, Coaching und Achtsamkeitstrainings boomen in den USA, aber auch zum Beispiel in Deutschland, weil Glück als machbar gilt.
🌍 Kulturen im südlichen Afrika
Hier ist Glück eng mit Gemeinschaft, Zusammenhalt und dem Wohl der Familie oder des Stammes verknüpft. Das Konzept Ubuntu („Ich bin, weil wir sind“) betont, dass das eigene Glück untrennbar mit dem Glück anderer verbunden ist.
Das “Ich” ist Teil eines größeren „Wir“. Glück entsteht durch ein starkes soziales Netz.
Entscheidungen werden oft gemeinschaftlich getroffen – Älteste und Familie spielen eine große Rolle. Teilen und Fürsorge sind Norm – was materielle Armut oft ausgleicht. Individuelles Streben ist weniger ausgeprägt, was auch bedeuten kann: Wer „ausbricht“, stößt auf Unverständnis.
Der Schatten dieses Konzeptes ist, dass sich jeder einzelne voll verantwortlich für seine Familienmitglieder fühlt: zum Beispiel junge Männer, die von ihren Familien nach Europa “geschickt werden” um dort ihr “Glück” zu machen, welches sie dann (zum Beispiel in Form von Geld) zurückzuschicken haben …
🇯🇵 Japan
Hier ist Glück oft eng verknüpft mit dem Konzept von Ikigai – dem, wofür es sich lohnt, morgens aufzustehen. Es ist eine Balance zwischen dem, was man liebt, was man gut kann, was die Welt braucht und wofür man bezahlt werden kann. Auch Wabi-Sabi, die Schönheit des Unvollkommenen, spielt eine Rolle im Glücksempfinden.
In Japan und dem Kozept des Ikagai steht oft das Wohl der Gruppe über dem Einzelnen. Glück ist eng verknüpft mit dem Beitrag, den man für andere leistet – Glück wird durch Sinn und soziale Harmonie erlebt; das führt zu starker Arbeitsmoral und hoher Disziplin.
Der Schatten dieses Konzeptes ist: Emotionen werden oft zurückgehalten. Es gibt Begriffe wie gaman (ertragen) und tatemae (soziale Fassade); individuelle Bedürfnisse treten zurück – was zu innerem Konflikt führen kann.
Glück ist kulturell verschieden
Die jeweilige Glücksvorstellung wirkt wie ein kultureller Kompass. Sie beeinflusst:
- Wie Menschen leben und arbeiten
- Wie sie Beziehungen führen
- Was als „erfolgreiches“ Leben gilt
- Wie sie mit Leid oder Misserfolg umgehen
Auch wenn die jeweilige Glücksvorstellung in den verschiedensten Ländern der Welt sehr unterschiedlich ist, sehen wir gerade einen Zeitgeist-Shift! 🌍✨
Globalisierung & der Wandel von Glücksvorstellungen
Durch Social Media, internationale Reisen, Serien, Podcasts, Migration usw. vermischen sich kulturelle Sichtweisen auf Glück immer mehr. Das hat eine Menge spannende Effekte:
🌐 1. Hybridisierung von Glücksidealen
Viele Menschen übernehmen Elemente aus verschiedenen Kulturen und mischen sie – z. B.
- westliches Selbstverwirklichungsideal
- mit östlicher Achtsamkeitspraxis
- und skandinavischem Minimalismus.
📱 Beispiel: Eine Person in Berlin meditiert morgens wie ein Zen-Mönch, geht dann ins Co-Working-Space, isst ayurvedisch und streamt abends dänische Hygge-Dokus auf Netflix. Das ist die Realität für viele urbane Menschen in der westlichen Welt.
💸 2. Konsum vs. Achtsamkeit – ein neues Spannungsfeld
- Während westliche Konsumgesellschaften lange suggerierten: „Mehr = besser = glücklicher“, wächst nun weltweit die Kritik daran.
- Begriffe wie Slow Living, Digital Detox oder Less is More finden in Tokio genauso Anklang wie in Paris oder Kapstadt.
- Gleichzeitig wird das Streben nach Selbstverwirklichung fast schon zu einer neuen Pflicht – ein paradoxer Glücksdruck.
👣 3. Die Rolle von Social Media
- Plattformen wie Instagram oder TikTok exportieren Glücksbilder weltweit – oft sehr einseitige: Sonnenuntergänge, schöne Körper, Bali-Retreats.
- Das führt zu einer Art „glücklicher Fassade“, die international angestrebt wird – aber häufig wenig mit tiefer Zufriedenheit zu tun hat.
- Gleichzeitig entstehen dort auch Counter-Movements – z. B. radikale Ehrlichkeit, Realness, mentale Gesundheit.
🔄 4. Rückbesinnung auf das Lokale
- In Reaktion auf diese Globalisierung besinnen sich viele Menschen wieder stärker auf ihre Wurzeln und indigeneoder regionale Glücksvorstellungen.
- In Lateinamerika z. B. erlebt das Konzept Buen Vivir („das gute Leben“ im Einklang mit der Natur und der Gemeinschaft) eine Renaissance – als Alternative zu westlichem Wachstumsdenken.
Globalisierung macht das Glück bunter – aber auch komplexer.
Menschen sind heute freier denn je, ihr eigenes Glücksmodell zu wählen – aber das kann auch überfordern. Wir leben in einer Zeit, in der sich viele fragen:
„Was macht mich wirklich glücklich – jenseits von Likes, Karriere oder Tradition?“
Wir können mit kleinen Dingen anfangen, die uns glücklich machen, wie: Mehr lächeln, mehr Zeit in der Natur verbringen, ein Ehrenamt ausführen… ein paar mehr Ideen hab ich auch in diesem kleinen Video versammelt: https://www.youtube.com/watch?v=G46GXVFATVE
Lasst uns Schritt für Schritt in die Richtung eines meiner Lieblingsbücher gehen: “Die schönere Welt, die unser Herz kennt, ist möglich” von Charles Eisenstein.