Kulturdimensionen von Geert Hofstede

Ich habe in den diversen Beiträgen immer wieder einmal von „Dimensionen“ gesprochen. Einer der wichtigsten Grundlagenforscher für die Dimensionen in der  „Interkulturelle Kommunikation“ war der niederländische Anthropologe Geert Hofstede (er starb im Februar 2020). Hofstede definiert Kultur als „die kollektive Programmierung des Geistes, die das Mitglied einer menschlichen Gruppe von einer anderen unterscheidet“. Er identifizierte fünf Hauptdimensionen zur Erklärung der Unterschiede zwischen den Kulturen und maß jede auf einer Skala von 1 bis 100.

Diese sind:
(1) Machtdistanz (PDI, aus dem Englischen: Power Distance Index): Das Ausmaß, in dem Individuen in Kulturen eine ungleiche Machtverteilung akzeptieren. Menschen aus Kulturen mit hoher Machtdistanz (wie Malaysia, Russland oder Guatemala) akzeptieren die hierarchische Ordnung und ihre Position in ihr. In Kulturen mit niedriger Machtdistanz (wie Österreich, Dänemark und Israel) streben die Menschen einen Ausgleich an und fordern eine Rechtfertigung für Machtungleichheiten. Deutschland hat mit 35 Punkten auch eine eher niedrige Machtdistanz.
(2) Individualismus vs. Kollektivismus (IDV): Menschen in individualistischen Kulturen (wie USA, Schweden und Australien) wollen (nur) für sich und ihre unmittelbare Familie sorgen. Man spricht auch von Ich-Kulturen. Viele Worte beginnen mit Eigen- … oder Selbst-…In kollektivistischen Kulturen (wie fast alle Ländern in Asien, Afrika, Lateinamerika und Südeuropa) kann der Einzelne von seinen Verwandten, seinem Clan oder anderen Gruppen erwarten, dass diese für ihn sorgen, und zwar im Tausch gegen unhinterfragte Loyalität. Deutschland ist stark individualistisch.
(3) Unsicherheitsvermeidung (UAI, aus dem Englischen: Uncertainty Avoidance Index) ): Das Ausmaß, in dem sich Individuen in einer Kultur bei Unsicherheit oder Mehrdeutigkeit unwohl fühlen. Kulturen mit starker UAI (wie z.B. in Griechenland, Portugal oder Uruguay) halten starre Glaubens- und Verhaltensregeln aufrecht und sind intolerant gegenüber „anomalen“ Personen oder Ideen. Schwache UAI-Kulturen (wie Singapur, Jamaica oder Dänemark) sind toleranter gegenüber Abweichlern und die Praxis zählt mehr als Prinzipien. Deutschland hat eine hohe Unsicherheitsvermeidungs-Tendenz. Deutsche sind also eher unsicher und ängstlich, was erstaunlich ist bei dem guten Sozialsystem und der vergleichbar geringen Kriminalität.
(4) Maskulinität vs. Feminität (MAS). Maskulinität repräsentiert eine kulturelle Präferenz für Leistung, Heldentum, Durchsetzungsvermögen und materiellen Erfolg. Feminität repräsentiert eine Präferenz für Beziehung, Bescheidenheit, Fürsorge für die Schwachen und Lebensqualität. Das maskulinste Land der Welt ist Japan, gefolgt von Ländern wie Österreich, Italien oder Venezuela. Die femininsten Länder finden sich in Skandinavien, Costa Rica und den Niederlande. Deutschland ist ein stark maskulines Land.
(5) Langfristige Orientierung (LTO, aus dem Englischen: Long Term Orientation). Dies ist der Grad, in dem eine Kultur die langfristige Ausrichtung an traditionelle Werte umfasst. Für hoch langfristig orientierte Kulturen (wie China und Indien) sind langbestehende Beziehungen und der Respekt vor Traditionen wichtig. In Kulturen, die in dieser Dimension niedrig eingestuft sind (wie Deutschland, UK oder Schweden), vollzieht sich Wandel bereitwilliger und schneller.
(6) Genuss vs. Zurückhaltung: Genuss steht für eine Gesellschaft, die eine relativ freie Befriedigung grundlegender und natürlicher menschlicher Bedürfnisse im Zusammenhang mit Lebensfreude und Spaß ermöglicht (z.B. in USA, UK und Australien). Zurückhaltung steht für eine Gesellschaft, die die Befriedigung von Bedürfnissen unterdrückt und durch strenge soziale Normen reguliert (wie z.B. China oder Deutschland).

In diesem Blog geht es ja vor allem um Mallorca, bzw. Spanien, daher werde ich nun noch erklären, wie diese Dimensionen sich für Spanien darstellen.

(1 ) Machtdistanz: Spanien ist als eine Nation einzuordnen, in der hierarchische Ungleichheiten eher akzeptiert werden (Spanien 57 Punkte auf einer Skala von 0-100; im Vergleich dazu Deutschland 35 Punkte). Machtunterschiede spiegeln sich insbesondere im Arbeitsalltag im Unternehmen wider. Vorgesetzte und Manager haben Privilegien gegenüber ihren Mitarbeitern und erwarten von diesen eine gute Informationsübermittlung. Im Gegenzug dazu schätzen Mitarbeiter die Beachtung und Kontrolle ihrer Aufgaben seitens des Vorgesetzten. Ein negatives Feedback ist in der spanischen Kultur nicht sehr erwünscht, was insbesondere die Kommunikationsprozesse und die Identifikation von Problemen in der Organisation deutlich erschwert und sowohl Mitarbeiter als auch Vorgesetzte vor eine große Herausforderung stellt. Machtkonzentration stößt auf eine relativ hohe Akzeptanz. Daher ist z.B. auch die Unternehmensstruktur meist sehr hierarchisch aufgebaut.

Warum und wie die Corona-Krise in den verschiedenen Ländern der Welt unterschiedlich gemanagt wurde und wird, hat mit dieser Dimension zu tun. Wie es sich in Spanien darstellt, hatte ich in diesem Artikel beschrieben: https://kathrinbremer.com/2020/04/13/corona-krise-hier-und-anderswo/

(2) Individualismus vs. Kollektivismus: Im Vergleich zu Deutschland (67 Punkte auf einer Skala von 0-100) und vielen anderen europäischen Nationen, die eher individualistisch geprägt sind, ist Spanien ein in der Mitte (51 Punkte auf einer Skala von 0-100). Es zeigt sich, dass die spanische Kultur einerseits durch kollektivistische Werte wie Harmonie und Gruppenzugehörigkeit (Familie) geprägt ist, andererseits (insbesondere im Vergleich zu stark kollektivistischen Nationen wie Panama, Pakistan oder Ecuador) aber auch eher individualistische Werte, wie die Akzeptanz von Herausforderungen, aufweist. Im Berufsleben wird Teamarbeit als etwas völlig Natürliches angesehen. Mitarbeiter neigen dazu, auf diese Weise zu arbeiten, ohne dass es einer starken Motivation seitens des Managements bedarf.

(3) Unsicherheitsvermeidung: Wenn es eine Dimension gibt, die Spanien sehr klar definiert, dann ist es die Unsicherheitsvermeidung, was sich in der hohen Punktzahl von 86 widerspiegelt. Die Menschen mögen es (theoretisch) Regeln zu haben, Veränderungen verursachen Stress. Konfrontationen werden vermieden, da sie großen Stress verursachen und sehr schnell auf die persönliche Ebene übergreifen. Die Sorge vor wechselnden, mehrdeutigen und undefinierten Situationen ist groß. So wollten z.B. in einer kürzlich durchgeführten Umfrage 75 % der spanischen Jugendlichen im öffentlichen Dienst arbeiten (d.h. eine Arbeit auf Lebenszeit, keine Sorge um die Zukunft), während in den USA nur 17 % der Jugendlichen dies wünschen. Ich erkläre mir dies mit den Erfahrungen, die die Spanier während der Finanzkrise 2008 machen mussten.

(4) Maskulinität vs. Feminität: Im Vergleich zu Deutschland, welches nach Hofstede als maskulines Land eingestuft wird, zeigt die spanische Kultur durchaus feminine Züge (42 Punkte auf einer Skala von 0-100, Deutschland 66 Punkte). Schon in der Ausbildung werden den Kindern wichtige Werte wie Harmonie und Gleichbehandlung vermittelt, so dass Schwächere keine Ausgrenzung erfahren. Spanien ist ein Land, in dem das Schlüsselwort „Konsens“ ist. Übermäßige Wettbewerbsfähigkeit wird nicht geschätzt. Was das Management betrifft, so konsultieren Manager gerne ihre Mitarbeiter, um ihre Meinung zu erfahren und dementsprechend ihre Entscheidungen zu treffen.

(5) Langfristige Orientierung:. Trotz eines Mittelwertes von 48 Punkten ist Spanien ein kurzfristig orientiertes Land. Die Spanier leben gerne im Augenblick, ohne sich große Sorgen um die Zukunft zu machen. Tatsächlich ist Spanien das Land, das der Welt die Bedeutung von „Fiesta“ gegeben hat. In Spanien sucht man nach schnellen Ergebnissen ohne Verzögerungen.

(6) Genuss vs. Zurückhaltung/ Beherrschung: Mit einem eher niedrigen Wert von 44 ist Spanien nicht die genussvolle Gesellschaft, die man vermuten würde und nur wenig gelassener als Deutschland (40). Was die Geschäftskultur Spaniens betrifft, so ist es von Vorteil ist, nach dem Mittagessen auf einen Kaffee zu bleiben, anstatt zu einem Meeting zu rennen (es ermöglicht Ihnen, Kontakte zu knüpfen). Auch die Work-Life-Balance wird hier meiner Erfahrung nach höher geschätzt als z.B. in Deutschland.

Alle diese Dimensionen finden sich auf der Website https://www.hofstede-insights.com/country-comparison/spain/ . Dort kann man jeweils Ländern miteinander vergleichen. Es gibt viel Kritik an dem Modell von Herrn Hofstede, z.B. dass es nicht repräsentativ sei (es ist nicht in der Durchschnittsbevölkerung erhoben, sondern nur bei Arbeitnehmern in Niederlassungen eines einzigen Unternehmens. Der meist männliche, gut gebildete, in der Technologiebranche arbeitende Mitarbeiter von IBM stellt nicht den Normalbürger des jeweiligen Landes dar). Viele Vergleichsstudien haben allerdings seine Erkenntnisse weitgehend bestätigt und bislang gibt es keine bessere weltweite Studie.

Dennoch kann man kritisch sein. Speziell bei der letzten Dimension von Geert Hofstede bin ich mir nicht sicher, ob diese wirklich so auf Spanien zutrifft, denn ich erlebe die spanische / mallorquinische Kultur als überaus genussfreudig…. (Gottseidank!)


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