Te digo cosas

Die Kommunikation auf Mallorca ist selten direkt. Gerne werden Metapher verwendet und Dinge umschrieben. Anspielungen, Gesten, Blicke, Stimmlage und Verhalten sind wichtiger als Worte selbst. Es gibt sogar Wortwendungen, die genau das Gegenteil bedeuten: „Ich melde mich“ („Te digo cosas“, wörtlich: ich werde Dir Dinge erzählen) bedeutet oft, dass ein Gespräch inhaltlich beendet ist, ein Geschäft geplatzt oder einen das Gegenüber einfach als unangenehm empfindet. Es gibt in der mallorquinischen Kultur eine starke Tendenz, Konfrontationen auszuweichen. Direkte Fragen werden als Unverschämtheit empfunden und rufen Misstrauen hervor.
In Deutschland wird eine direkte („ehrliche“) Kommunikation ohne Umwege bevorzugt. Der Fokus liegt auf Daten, Fakten und Zahlen. Werden wir gefragt, wie es uns geht, werden wir je nach (ehrlicher) Stimmungslage antworten: Gut, geht so, schlecht oder muss ja.… In den meisten anderen Ländern dieser Welt kommunizieren Menschen viel indirekter und höflicher. Es ist dort viel wichtiger WIE man etwas sagt, als das, WAS man sagt. Auf einer Skala von eins bis zehn ist die deutsche Kommunikationsform mit zwölf einzuordnen. Am gegenteiligen Ende sind Kulturen in Asien anzusiedeln. In Indien, Thailand, Laos und anderen Ländern würde niemand, z.B. auf die Frage nach einem Weg, sagen: „Ich weiß es nicht“, sondern umschreiben und versuchen, sich aus der Situation herauszuwinden. Diese sehr andere Kommunikationsform stößt bei Deutschen häufig auf Unverständnis und wird als unehrlich oder feige wahrgenommen. Vielen von uns ist es schon passiert, dass wir nach dem Weg fragten und eine Antwort bekamen, die sich schliesslich als definitiv falsch erwies – weil unser Gegenüber nicht unhöflich sein wollte oder sein Gesicht verloren hätte beim Zugeben, dass er den Weg nicht weiß.
Die mallorquinische Kultur liegt zwischen diesen beiden Extremen. Eine Unterhaltung mit einer Freundin kürzlich ist so oder ähnlich sicher schon oft auf Mallorca geführt worden. Sie: „Ich bin neulich total ausgeflippt… Ich hatte einen Mallorquiner eingestellt und hatte ihm schon tausend Mal erklärt, wie er bestimmte Sachen zu machen hat. Er hat es aber nicht kapiert und dabei behauptet, dass er alles verstanden hätte. Bis mir schliesslich der Kragen geplatzt ist und ich gesagt habe, dass er schlecht arbeitet und er kann nach Hause gehen kann. Da hat er doch tatsächlich gesagt, ich sei eine Hexe“. Ich versuchte meiner Freundin die unterschiedlichen Kultur- und Kommunikationsformen zu erläutern und zu verdeutlichen, dass sie aus mallorquinischer Sicht unerhört direkt und hart gewesen sei. Leider drang ich nicht durch. Die Antwort war: „Das ist mir doch egal, ist halt sein Problem. Er könnte mir ja auch klar und direkt sagen, was er doof findet…“.
Es fällt uns Deutschen schwer, diese aus unserer Sicht „Wischiwaschi-Kommunikation“ ernst zu nehmen. Die Strategie, mit direkter Kommunikation „transparent“ zu kommunizieren und auch offen kritisieren zu dürfen, funktioniert – in Deutschland. In Kulturen mit indirekter Kommunikation hingegen geht es vor allem darum, eine (gute) Beziehung aufrecht zu halten oder Harmonie zu erzeugen. Kritik wird hier als persönlicher Angriff verstanden und wird die Beziehung nachhaltig stören.
Was wir alle tun können, wenn wir ein Miss- oder Unverständnis in der Kommunikation entdecken und bevor wir unser Gegenüber als „komisch“ oder „unnormal“ abtun, ist, einen Schritt zurückzutreten und uns klar zu werden, dass andere Menschen aus anderen Kulturen andere Werte und andere Traditionen haben. Im Zweifel hilft es, bei unserem Gegenüber höflich (und möglichst indirekt) nachzufragen….
Um bei unserem Beispiel zu bleiben: Fragen wir bei einem Mallorquiner nach, der uns gesagt hat „Te digo cosas“ und die Antwort bleibt vage und unverbindlich, können wir relativ sicher sein, dass er oder sie kein Interesse an diesem Punkt hat.


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