Was wir von anderen Kulturen lernen können

Als Frau über vierzig sind in Deutschland die Zeiten von anerkennenden Pfiffen, leise zugeraunter Bewunderung oder laut ausgesprochenen Komplimenten meiner Erfahrung nach leider vorbei (oder geht das nur mir so???). Lediglich der Partner oder wohlmeinende sehr viel ältere Herren halten das Selbstbewusstsein aufrecht.

Hier in Spanien ruft der Fahrer des Müllwagens im Vorbeifahren: „Hey, preciosa“, der Gasmann lädt die neue Flasche ab mit den Worten „Das mache ich gerne für so eine hübsche Frau…“, der Empanada-Verkäufer überreicht sein Produkt mit den Worten: „Das ist die Schönste, so wie Du“ und selbst die Frauen nennen sich untereinander Königin, Schöne, Liebling oder Prinzessin (selbst eine neunzigjährige Oma wird so betitelt). Ich finde, das ist eine kulturelle Besonderheit, die unbedingt in die deutsche Mentalität integriert werden sollte. So oder ähnlich geht es in anderen südeuropäischen Ländern doch auch!

Aber auch andere kulturelle Eigenheiten könnten von mir aus gerne in unsere deutsche Kultur Einzug halten: Morgens geht es für die meisten Spanier erst einmal ins Nachbarcafé auf einen Café con leche oder sólo. Das erhält die Nachbarschaft und den Wirt lebendig (in dem Dorf, in dem ich wohne, können sich bei 1.600 Einwohnern fünf Café-Bars halten). Die Arbeit beginnt dann mit einem kurzen Smalltalk mit den Kollegen über den vergangenen Tag. Arbeitsbeginn ist in der Regel etwas später als in Deutschland, dafür wird aber auch länger gearbeitet. Nach der Arbeit geht man gerne noch mit den Kollegen auf ein schnelles Bier in die Bar um die Ecke. Auf den Dorfplätzen sitzen (noch) alle Generationen beisammen und quatschen. Und bei Ortsfesten haben alle eine Aufgabe.

Natürlich sind mit dieser kollektivistischeren Lebensweise auch bestimmte Konsequenzen verknüpft, die uns individualistischeren Deutschen nicht immer erstrebenswert scheinen: Das Wochenende ist fremdbestimmt – irgendeine Tante, Oma, Nichte und natürlich auch Enkel, Söhne und Großonkel haben bestimmt Geburtstag oder feiern Namenstag, Geburt, den ersten oder letzten Zahn. Sämtliche wichtige Entscheidungen können nicht alleine getroffen werden. Und manche Unterhaltung ist so laut, dass man sein eigenes Wort kaum versteht.

Dennoch: Insgesamt sollte es doch darum gehen, dass wir alle voneinander lernen können. Meine Vision ist eine Weltkultur, in der die besten Eigenheiten der verschiedenen Kulturen vereinigt sind. Eine schöne Version von einem guten Umgang miteinander las ich neulich: Bei einer bestimmten Ethnie wird jemand, der etwas Böses getan hat, in die Mitte eines Kreises gebeten. Alle Anderen stehen um ihn (oder sie) herum und reden so lange darüber, was er (oder sie) alles Gutes und Schönes getan oder gesagt hat, bis dem Delinquenten bewusst ist, dass er auf dem falschen Weg war. 🙂


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