Wir denken in Worten. In der Regel tun wir das in unserer Muttersprache. Dadurch können wir die Welt um uns herum in Worte fassen. Der Werkzeugkasten, den (unsere Mutter-)Sprache uns zur Verfügung stellt, kann sehr unterschiedlich sein (beispielsweise ist Deutsch eine der Sprachen mit den meisten Wörtern, da wir viele zusammengesetzte Wörter haben wie “Aufmerksamkeitsdefizit-Hyperaktivitätsstörung”). Verändert das unsere Wahrnehmung der Welt, je nachdem, welche Sprache wir erlernt haben? Wären wir mit einer anderen Muttersprache andere Menschen?
Heute Morgen (5.8.26) habe ich als erstes in einer meiner Gruppen (“New Year Jazz”) Folgendes von Thomas gelesen: “English Group Name … why all this Catalan? I don´t get a thing because I just speak important languages like Spanish, English, German and Mandarin … “ – I answered: “Administrators are free to name a group whatever they like. Members are free to leave a group if they don´t like it … Perhaps you haven´t realised it yet, but here in Catalonia, Catalan is the official language alongside Castellano. Catalan is spoken by over 10 million people worldwide – so much for the notion of “important languages”. … This ethnocentrism is very sad!”.
Katalanisch gehört zu der Familie der romanischen Sprachen, insbesondere geschrieben versteht man es sehr gut, wenn man eine der anderen romantischen Sprachen (wie zum Beispiel Spanisch, Französisch, Italienisch, Portugiesisch, etc.) spricht. Es gibt unterschiedliche Zahlen über die Verbreitung, neuere Zahlen gehen von über 10 Millionen Menschen aus, die katalanisch zumindest verstehen. Davon 6 Millionen in Katalonien und damit 80 % der hiesigen Wohnbevölkerung, knapp 2,6 Millionen und damit 51 % der Bewohner der autonomen Region Valencia, etwa 890.000 Personen und damit 80 % der Bewohner der Balearischen Inseln sowie etwa 160.000, d. h. 35 % der Bewohner des französischen Départements Roussillon. Auf den balearischen Inseln gibt es übrigens verschiedene Dialekte des Katalanischen: auf Mallorca, wo ich zehn Jahre gelebt habe, wird mallorquinisch gesprochen, auf Menorca menorquinisch, auf Ibiza ibizenco und auf Formentera formenterenç. Außerdem wird katalanisch in Teilen Aragoniens, in Andorra, im Vall de Aran, weiteren Teilen Südfrankreichs und in Alghero auf Sardinien gesprochen. Dies führte im September 2021 zu dem bizarren Vorfall, dass (der nach dem gescheiterten Referendum 2017 im Exil lebende, ehemalige Ministerpräsident Kataloniens) Carles Puigdemont nach Alghero reiste, um an einem Kongress über die Verbreitung der katalanischen Kultur auf Sardinien teilzunehmen. Er wurde bei seiner Ankunft am Flughafen in Alghero festgenommen und musste die Nacht von Donnerstag auf Freitag im Gefängnis in der nahe gelegenen Stadt Sassari verbringen. Am darauffolgenden Tag befand eine Richterin vom dortigen Berufungsgericht nach einer Anhörung Puigdemonts per Videokonferenz , dass die Festnahme legal sei, Puigdemont aber auf freiem Fuss bleiben dürfe. Er konnte nach der Veranstaltung aus Italien ausreisen.
Während der Franco Diktatur wurde der öffentliche Gebrauch der katalanischen Sprache ab 1939 massiv unterdrückt. Schulunterricht fand ausschließlich auf Spanisch statt, Ortsnamen wurden ins Spanische übersetzt, katalanische Eigennamen verboten. Erst mit der neuen spanischen Verfassung nach Francos Tod wurde 1978 über den Autonomiestatus Katalanisch als gleichberechtigte Amtssprache neben dem Spanisch festgelegt. Heute spricht der überwiegende Teil der Bevölkerung im Alltag auch Katalanisch. Für meinen Freundeskreis kann ich das sagen, dass sie nur umswitchen, wenn ich dabei bin… und eine meiner liebsten Freundinnen, Eva, redet mit mir lieber Englisch als Spanisch.
Apropos Englisch: Dazu fällt mir eine andere Geschichte ein: Neulich bin ich nachts aufgewacht; ich wusste leider nicht mehr, was ich geträumt habe, aber ich hatte auf Englisch geträumt. Das lag daran, dass ich mehrere Wochen lang eine irische Freundin, Kim, zu Gast hatte …
„Was Sprachen grundsätzlich (…) tun, ist, den Dingen einen Namen geben”, sagt der niederländische Sprach-Experte Gaston Dorren. Wie sie das tun, mit welchen Schwerpunkten, spiegelt auch, was einer Kultur wichtig ist … und was eben nicht. Wörter können Dinge bezeichnen, die in einer anderen Sprache gar nicht vorkommen. Wie das portugiesische Wort „Saudade“, das eine ganz eigene Form des Weltschmerzes beschreibt. In manchen Sprachen gibt es Unterscheidungen, für die es in anderen nur ein einzelnes Wort gibt. Zum Beispiel wird das deutsche Wort “Sicherheit” im englischen in “Safety” und “Security” unterschieden, je nachdem, ob es sich um etwas handelt, was mit einer Intention (zum Beispiel ein Raub) oder mit etwas Ungeplantem (zum Beispiel ein Unfall oder ein Erdbeben) zu tun hat.
In dem schönen Buch “Slow travel – die Kunst des Reisens” von Dan Kieran, philosophiert der Autor über die “Zeit” und zwei Wörter dafür, die ihren Ursprung in zwei Göttern haben: “… die Griechen zwei Götter hatten, die für die Zeit zuständig waren. Der erste, Chronos, ist allgemein bekannt. Er ist der Gott der chronologischen, messbaren, gleichmäßigen, wissenschaftlich definierten Zeit. … ihm zu Ehren tragen wir Armbanduhren … Interessanterweise … gibt es aber noch einen anderen griechischen Gott der Zeit … Sein Name ist Kairos, und er ist für die göttliche Zeit zuständig, jene Momente im Leben, in denen man mutig handeln muss oder es für immer bereuen wird. … Kairos steht nicht für die lineare Zeit. … auf ihn geht die berühmte Sentenz Carpe diem (Ergreife den Tag) zurück. Er steht für die Entscheidungen, die wir getroffen oder eben nicht getroffen haben, die die Landkarte unseres Lebens ausmachen … Es sind die Taten, zu denen wir uns spontan entscheiden und die unsere Lieben und unser Leben für immer verändern. Doch in der hektischen Welt, in die wir alle normalerweise eingebunden sind, existiert Kairos gar nicht.” (in dem Buch empfiehlt der Autor übrigens auch, bei Reisen Literatur aus oder über das Land/die Region zu lesen; etwas, was ich schon seit Jahrzehnten tue. In seinem Fall in Paris: “Der Schakal” von Frederick Forsyth, oder von Agatha Christie: “Das Böse unter der Sonne” an der Küste von South Devon, oder von John le Carré die Reihe George Smiley für Reisen durch Osteuropa; das bringt mich zu einem kleinen eigenen Werbeeinschub; denn kürzlich habe ich meine neue Website veröffentlicht, an der ich mit vielen anderen Menschen jahrelang gearbeitet habe: www.weltinfos.com und die zu fast jedem Land Literaturtipps empfiehlt).
Wie mächtig Sprache ist, sieht man auch daran, dass in diversen Sprachen unterschieden wird in “gute” Ausländer:innen, nämlich: Auswanderer:innen (engl.: Expatriats / kurz: Expats, span.: expatriad@s) und nicht so gute: Migrant:innen (engl.: Migrants, span.: emigrantes). Seit mir das klar geworden ist, bezeichne ich mich in Diskussionen immer als Migrantin.
Ein Buch, was mich sehr bewegt hat, ist: „Sprache und Sein“ von Kübra Gümüsay. Im Klappentext steht u.a.: die Autorin „… setzt sich für … Diskurse auf Augenhöhe ein. … Frage … Wie können wir alle – in einer Zeit, der immer härteren, hasserfüllten Diskurse – anders miteinander kommunizieren?“
Auf Seite 80 geht es um Sprache und Stereotype. Eine Studie wies nach, dass Kinder Stereotype über Geschlecht/Kultur schon im Vorschulalter erlernen. „Dies hat einen Einfluss auf die frühe Ausprägung von Stereotypen, die das Selbstbild und in der Folge das eigene Verhalten und Leistungsvermögen beeinflussen. Die Bilder, die sie prägen, sind in Menschen also schon verankert, bevor sie sich überhaupt bewusst mit ihnen auseinandersetzen können. Verzerrte Fremdbilder werden zu Selbstbildern und definieren den Horizont ihrer Möglichkeiten. Die Grenzen ihres Seins.“. …
Viele Kinder müssen die Form ihrer Augen, die Struktur und Farbe der Haare und Haut nicht erklären. „Diese Kinder müssen nicht die Beziehung und das Sexualleben ihrer Eltern erklären. Sie müssen nicht wissen, wo ihre Eltern und Großeltern und Urgroßeltern … geboren wurden und warum sie nicht dorthin zurückgehen. Sie müssen nicht erklären, warum sie nicht woanders sind, sondern hier. … Es sind die anderen Kinder, die Kinder der Anderen, die nicht dieser Norm entsprechen. Sie müssen von klein auf lernen, solche Fragen zu beantworten, und ihr Erfolg in dieser Gesellschaft ist daran gekoppelt, wie gut und befriedigend sie das tun. Also eignen sie sich Wissen an, perfektionieren ihre Antworten, die mit der Zeit immer eloquenter werden. Immer beengender. Immer demütigender.
Dieses Wissen, dass sie sich aneignen, prägt sie, es formt sie zu anderen Menschen, als sie ohne die Fragen geworden wären“. …
Kübra Gümüsay beschreibt: „Ich war gerade 20 Jahre alt geworden und verbrachte für ein Praktikum einen Sommer in London. Die Menschen dort stellten mir beim Kennenlernen andere Fragen, als ich es aus Deutschland gewohnt war. „Warum trägst du ein Kopftuch?“ gehörte beispielsweise nicht zum Smalltalk. Stattdessen wurde ich gefragt, was ich studiere und was mich, Kübra, interessiert, welche Musik, welche Filme. Die Menschen interessierten sich für meine Person, nicht für eine Repräsentantin des Islam. Sie interessierten sich für mich, nicht für ihre Projektionen auf mich.“.
Ich möchte mit diesem meinem Blog dazu beitragen, dass Ressentiments in Bezug auf Kulturen abgebaut werden, dass wir Deutschen den Ethnozentrismus verstehen und dass wir unsere Besserwisserei in den Griff bekommen. Dazu passt eine Stelle in Kübra Gümüsays Buch: „In einer meiner ersten Erinnerungen an diesen Druck bin ich 13 Jahre alt. Es war kurz nach dem 11. September 2001. Ich saß mit meiner jüngeren Schwester in der U-Bahn, als sich eine Frau mittleren Alters zu uns setzte. Nach langem Mustern fragte sie mich, ob ich mein Kopftuch freiwillig trage. „Ja, natürlich“, antwortete ich. „Nein“ erwiderte sie. Dann hielt sie uns einen Vortrag darüber, wie unterdrückt wir seien, und befragte mich zur politischen Situation im Iran, im Irak, in Saudi-Arabien und anderswo. Länder, die ich nie besucht hatte, die ich nicht kannte. … “.
Frau Gümüsays Buch endet mit den Worten: „Dieses Buch versteht sich als ein Beitrag auf der Suche nach einer Sprache, in der wir alle als Menschen in unserer Komplexität gleichberechtigt existieren können, als ein Nachdenken auf dem Weg dahin, unsere Ideale einer besseren Gesellschaft zu verwirklichen …. Anreize, an der Gesellschaft mitzuwirken, in der wir wirklich leben wollen. In der alle gleichberechtigt sprechen und sein können.“